70 Stunden Cyberpunk

Ich bin dann mal durch. Geistig sowieso, aber jetzt nach über 70 Stunden auch mit Cyberpunk 2077. Ich habe an Nebenquests fast alles mitgenommen, was es so gibt. Zumindest habe ich auch nach dem Netz nicht das Gefühl, dass ich was übersehen oder vergessen habe, was wichtig wäre. Die 70 Stunden sind auch der Tacho ingame während gog 78 Stunden auf dem Tacho hat. Ich habe also auch 8 Stunden Sterben und Abstürze hinter mir. Ich möchte nicht wissen, wie viel auf das Konto der Abstürze geht. Einige Stunden wahrscheinlich.

Die Sache mit…

Es gibt viele Facetten, die das Spiel für eher so mittelmäßig machen statt dem Überflieger schlechthin…

…der Technik

Technisch hatte ich auf dem PC keine massiven Probleme. Ich bin mir bis heute nicht sicher aus welchen Gründen das Spiel hin und wieder ausgestiegen ist. Ich tippe aktuell darauf, dass die Grafikkarte einfach zu warm geworden ist. AMD lässt fährt standardmäßig scheinbar eher die Last des Lüfters auf maximal 45%, weil es sonst zu laut wird. Bei mir hatte das zur Folge, dass die Grafikkarte sehr schnell am Temperaturlimit gearbeitet hat. Mehr Luft für die Karte und schon ging es besser.
Es war auch, zumindest bei mir, nicht immer ersichtlich, warum es an bestimmten Stellen aussteigt. An der Steckdose gemessen hat sich mein PC eigentlich immer über 300 Watt genehmigt. Wer braucht schon eine Heizung…

…der Story

Was man ganz oft hört sind die Loblieder auf die tollen Stories und Quests. Auch hier muss ich sagen, dass mein Fazit eher gemischt ausfällt. Die Mainquest war jetzt in meinen Augen nicht so der Burner und hat mich über weite Strecken auch nicht weiter interessiert. „Stress“ dass man diese vorantreiben musste, gab es auch nicht, auch wenn es die Rahmenhandlung immer wieder suggeriert. Sonderlich innovativ oder am Ende schlüssig fand ich sie dann auch nicht. Da gab es einige Stories in den Sidequests, die ich fesselnder und spannender fand. Da hätte ich gerne mehr von erfahren, in vielen Fällen wurde das Thema oder der Handlungsfaden sehr abrupt einfach abgeschnitten oder beendet.
So stolpert man zum Beispiel in einer sehr unscheinbaren Sidequests über Militärequipment bei einer Straßengang und eine sehr belastende Mail. Das anschließende Telefonat mit dem Fixer beleuchtet die finsteren Hintergründe und endet sinngemäß mit einem Satz wie „Aber da kümmern wir uns nicht drum. Hier ist deine Belohnung“. Danke auch… hätte ja nur Auswirkungen auf die ganze Welt. Und davon gibt es gerade in den Sidequests eine ganze Menge. Bringt auch nichts, dass manche Themen in den Nachrichten wieder aufgenommen werden.

…der Welt

Die Welt ist ein gutes Stichwort. Man merkt, dass hier vielleicht mehr gewollt war oder mehr möglich gewesen wäre. Stadtteile werden von rivalisierenden Gangs beherrscht, die alle so ihre Facetten haben. Die 6th-Street-Gang, die sich stark an einer Miliz aus dem Süden der USA orientiert, Yakuza-like Tiger Claws im asiatischen Bereich der Stadt und so weiter. Je nachdem in welchem Stadtteil man sich befindet, bekommt man auch Aufträge die Gangs kräftig aufzumischen. Auswirkung auf das Ansehen oder Feinschaften: Null. Ich kann Tiger Claws aufmischen wie ich will, die Chefin hat mich immer noch lieb.
Ähnlich verhält es sich mit der Polizei. Die sind zwar schnell bei der Sache wenn man Mist baut, stehen aber auch vollkommen entspannt daneben, wenn man man sich in einem Questgebiet befindet und gerade scheinbar wahllos Gegner zerlegt.

Beziehung zu NPCs sind auch so eine Sache. Hat man sich in der Quest gerade noch heiße Liebesschwüre zugeraunt, die Quest beendet und spricht dann wieder mit dem selben NPC, kommt meistens eine sehr neutrale Antwort knapp über „’s geht…?“. Crasht die Immersion des Spiels sofort.

Auswirkungen hat eigentlich nur ein ganz kleiner Teil der Dinge die man im Spiel tut auf das wie die Welt reagiert.

So belebt wie es auf viele Bildern wirkt, ist es dann auch nicht. Man merkt, dass sich die NPCs nicht frei und zufällig bewegen. Besonders dann wenn man öfter an bestimmten Stellen vorbeikommt, fällt einem auf dass viele in der Welt gescriptet ist. Läuft man zum Beispiel aus seinem Apartmentblock raus, stehen eigentlich immer an der gleichen Stelle zwei Polizisten auf der Treppe und unterhalten sich mit einem am Boden sitzenden NPC. Weil man dort eben öfter vorbeikommt, fällt das irgendwann auf.

Gerade im Wasteland fällt Abends dann auch die Grenze zwischen Welt und Fototapete auf. Vor einem sieht es auf den langen Straßen aus, als wäre Rushhour deluxe, kommt man mit dem Auto näher, bleibt von der Rushhour dann nur noch ein oder zwei Autos über, die wirklich da sind.

Ein bisschen Blade Runner darf’s schon sein

…dem Grind

Man sollte auch nicht verschweigen, dass es nur Quests gibt, die eine tolle Story haben. Es gibt auch viel Grind. Sehr viel Grind. Es gibt kreative, mehrstufige Sidequests, die interessant sein können. Es gibt aber auch eine ganze Menge Sidequests, die Schema F folgen:

  • Töte Typ X und lege ihn in den Kofferraum
  • Klaue Datenstick
  • Sabotiere ein Gebäude

Von den Kriminalitäts-Quests ganz zu schweigen: Räume alle Gegner ab und nimm Beweismittel. Mit steigendem Level wird das auch immer einfacher, weniger herausfordernd und öder.

…dem Balancing

Reden wir es nicht schön: Das Balancing ist einfach verkackt. Der Hacker-Weg ist ab einem bestimmten Punkt ein Selbstläufer. Man bekommt sozusagen einen Wallhack legal geliefert und kann komplette Gebäude leerräumen. Verseuchung ist da eine super Sache, zusammen damit, dass es sich besser verbreitet. Kurzschluss ist auch so eine Sache um Gegner lautlos auszuschalten. Der Rest ist eigentlich mehr so zum Spaß und für’s Entertainment. Wenn einem der Grind eben zu langweilig wird.
Dass ich hacken vor Beginn der letzten Mission schon ziemlich hoch geskillt hatte, hat die letzte Mission schon ziemlich simpel gemacht.

Ähnlich soll es sich mit den Nahkampfwaffen verhalten. Den Build hatte ich aber nicht. Hacker und Smartgun hatte ich schon genügen Spaß mit. Wenn man dann relativ früh im Spiel auch noch eine Waffe bekommt, die mal locker 300 DPS mehr macht als alles andere, das man so findet, dann ist das schon ein ziemlicher Killer. Wenn der Revolver 700 DPS macht, das Fleischerbeil aber über 1000 DPS, dann passt irgendwas nicht.

…Johnny Silverhand

Das Gesicht des ganzen Spiels dürfte Keanu Reeves sein. Der spukt fast das ganze Spiel lang als Geistesstörung mit vor sich hin. Ständig getrieben davon, dass es alles dringend ist. Was es aber nicht ist. Im Grund hat man mit Johnny wenig zu tun. Leider muss man an der Stelle sagen. Denn die „inneren“ Monologe mit ihm gehören aus meiner Sicht zu einem der besten Moment im Spiel.

Wie Hollywood. Nur eben in Night City

Käfer! Überall Käfer!

Cyberpunk hatte ja schnell den Ruf Cyberbug weg. Halb zurecht. Auch mit dem Update 1.1 sind die gröbsten Schnitzer wohl noch nicht behoben.

NPC vs. Umwelt

NPCs und die Umwelt sind keine Freunde. Im besten Fall geht es nur um eine Waffe, im dümmsten Fall darf man eine Quest wiederholen.

In einem Fall wurde ein Gegner durch eine Granate außer Gefecht gesetzt, ließ seine Waffe fallen und durch die Druckwelle fiel eine Mülltonne auf den Gegner. Ende vom Lied: Umgefallene Mülltonnen sind so schwer, dass man sie durch nichts mehr bewegen kann. Nicht mal die gleiche Granate die sie zum fallen gebracht hat.

Dümmster Fall, war der Kampf gegen einen Cyberpsycho. Der stecke auf einmal in einer Treppe fest, was mich im ersten Moment gefreut hat. Dummerweise ist er da auch gestorben und hat sich gleich unter der Treppe einbetoniert. Ich kam nicht mehr an ein Item ran, dass er bei sich trug. Laden, nochmal…

Dann war da noch der Typ, den man mit dem Auto evakuieren sollte. Dumm nur, dass der sich geweigert hat ins Auto einzusteigen. Im Netz war dann zu lesen, dass er auch sehr anhänglich ist. Quest beendet und er verfolgt einen trotzdem durch die ganze Welt.

Umwelt ohne NPC

Aus gewerkschaftlichen Gründen tauchen manche NPCs auch nicht auf. Relativ häufig scheint es wohl bei einer Automaten-Quest zu passieren, wenn man dem NPC nicht gleich die volle Aufmerksamkeit schenkt, dann taucht er nicht mehr auf. Quest bleibt als „Unbekannt“ stehen. Keine Chance neu zu starten.

An einer anderen Stelle soll man eine Leiche bergen. Vier Kühltruhen stehen rum, aus dreien sieht man einen hintern ragen. Die vierte scheint leer. Scheint ist das Stichwort. Man kann nichts tun oder sehen wenn man davor steht, sondern erst, wenn man auf die Kühltruhe springt und dann bückt und mit der Kühltruhe interagiert. Naheliegend… Vollkommen.

Telepolizei

Wer’s ausprobieren will: einfach mal irgendwo, wo nix los ist, was illegales machen. Zack schießt die Polizei aus dem Boden. Mitten im Wasteland oder auf einem Wolkenkratzer.

Das Ende vom Lied…

Wie fällt mein endgültiges Fazit also aus? Sehr gemischt. Optisch ist Night City sehr beeindruckend geworden, wenn man die entsprechende Hardware hat. Man merkt, dass viel Liebe in Details geflossen ist, dass viel versucht wurde, eine stimmige Welt zu erschaffen. Man merkt aber auch, dass man sich seitens des Entwicklerstudios vielleicht etwas ver- oder überhoben hat. Viele Teile der Story haben mich wie gesagt nicht so richtig emotional mitgenommen, gerade in der Mainquest. Vielleicht kommt da von CD Project Red in Zukunft noch mehr. Nachdem man die ganz groben Bugs auf XBox One und PS4 gefixt hat.

Ich bin gespannt, welchen Faden man dann für zukünftigen Story-DLCs aufnimmt. Ob es überhaupt Story-DLCs geben wird. Den Abspann sollte man sich auf jeden Fall ansehen. Mindestens die Einblendungen der Anrufe auf dem Anrufbeantworter.

Kurz und knapp: Cyberpunk ist auf dem PC keine Vollkatastrophe, aber auch nicht der epische Überkracher.

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