Anspruchsdenken

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Heute mal neues aus der Kategorie „Dreist, Dreister, Softwarehersteller“

Ich lasse mich ja selten über sowas aus, da Kundenkontakte im Grunde ja hoch und heilig sind. Da es aber eine Anfrage zum OpenSource-Projekt war, möchte ich das keinem vorenthalten. Immerhin schlägt das auch das Walldorf’sche „Die Doku liest doch keiner…“

Zur Vorgeschichte:

In mühevoller Kleinarbeit habe ich vor Jahren einen Client für den eXTra-Bundesstandard entwickelt und der Deutsche Post Rentenservice hat ihn innerhalb der letzten anderthalb Jahre OpenSource-fähig gemacht. Mittlerweile ist das Ding Referenzimplementierung für eXTra-Clients und auch produktiv im Einsatz.

Im Grunde ist es also Code, Doku und ein Beispiel. Und damit für den fähigen Entwickler mehr als er braucht (Ja, es ist Doku dabei!). Ich weiß auch von Fällen in denen Leute sich aus dem Code einfach die Rosinen rausgepickt haben und ne eigene Anwendung drum rum gestrickt haben. Alles schon da gewesen…

Bis vor ein paar Tagen…

Anfragen von Softwareherstellern sind ja im Grunde nichts ungewöhnliches. Meistens sehr freundlich und man merkt auch relativ schnell, dass die sich mit dem Thema schon mal beschäftigt haben (oder eben auch nicht). Dieser ist wohl ein total erfolgreicher Programmierer (Nach eigener Aussage), dessen Kunde aus dem medizinischen Bereich jetzt gerne Daten per eXTra verschicken würde.

Und genau da fängt die Aufregung an. Das was wir da hätten wäre ja sehr abstrakt, nicht ausführbar, weil ja keine exe oder bat-Datei dabei wäre und überhaupt, wenn es ein Client wäre, dann würde ja auch noch die grafische Oberfläche fehlen.

Kurz gefragt also: Warum ist da kein Programm was ich runterladen kann, keine Arbeit damit habe und dem Kunden 1000 € die Stunde in Rechnung stellen kann?

Da hat einer OpenSource mal wieder voll verstanden… Es ist kostenlos, aber warum ist es nicht fertig und kann auch noch mehr.

In unserem Fall hat zumindest das mit der GUI einen ganz simplen Grund: Den Cronjob oder ähnliches auf einem Server interessiert es meistens eher weniger ob da eine Klickibuntioberfläche ist oder nicht. Der ist (ja, Server und manche Anwender sind so anspruchslos…) vollkommen mit einem Kommandozeilenaufruf mit ein ein paar Parametern zufrieden.

Und wäre das nicht schon genug des rumgenörgels, so hat er doch echt noch einen obendrauf gesetzt:

Im jetzigen Zustand müsse er sich ja 16-20 Stunden in die Software einarbeiten und dann auch noch eigenen Programmieraufwand da reinstecken, damit er das dem Kunden geben könne. Und alles für einen Standard, der eh nicht all zu verbreitet ist. Das wäre ja totaler Mist. Zusätzliche Flüche und Verwünschungen lasse ich hier mal aussen vor. Ob wir ihm denn sagen könnten, ob es für seinen Fall auch einen Alternativen Weg via FTP oder E-Mail gäbe.

Erstmal finde ich es auch immer unter aller Sau, dass ich mich in andere Bibliotheken erstmal einarbeiten muss. Was habe ich da wohl schon unnötig Stunden in Spring und JaxB versenkt. Die Schweine! Immerhin ist es schon ziemlich dreist von mir als Programmierer zu erwarten, dass ich dann auch noch das mache, für was ich bezahlt werde: Programmieren!

Und die Frage nach Alternativen ist ungefähr so, als würde man den Entwickler von Thunderbird fragen, was man denn in seine E-Mail reinschreiben muss. Und zwar nur das.

Trotz einer sehr höflichen Antwort kann er sich aber einer Ehrung ganz sicher sein:

Meine persönliche Hall of Fame der dümmsten und dreistesten Anfragen aller Zeiten.

Sogar noch weit vor der Aussage:

„Die Doku liest doch keiner…“

PS:

Dienstliche E-Mails, die mit den Stilmitteln Fettschreibung, kursiv und Unterstreichung arbeiten, gerne auch in Kombination, tragen sehr dazu bei, dass ich die Person entsprechend ernst nehme…