Perlen für die Eingeborenen

Traditionen sind dazu da um sie zu pflegen.

Immerhin hat man schon vor hunderten von Jahren Eingeborene um ihr Land betrogen, indem man ihnen billige Glasperlen angedreht hat.

Wer jetzt müde lächelt und meint, dass das heute nicht mehr so wäre und gar nicht mehr passieren könne, den muss ich eines besseren belehren.

Auch die modernen Eingeborenen, neudeutsch auch „digital natives“, lassen sich immer noch mit Perlen verlocken.

Wir schreiben also das, zugegeben noch junge, Jahr 2014, in dem jeder ab 12 mittlweile ein Smartphone mit vollem Internetzugang zu haben scheint. So also auch der höchstens 15jährige der vor kurzem neben mir in der Straßenbahn saß. Mittlerweile ist es ja auch gang und gäbe, dass jeder in den öffentlichen Verkehrsmitteln mit Gott und der Welt Nachrichten austauscht. Bei den meisten, die ich zufällig sehe, merke ich, dass ich alt bin, weil ich pro Nachricht durchaus unter 15 Emoticons verwende. Ich bin da wohl ein Traditionalist.

Nun schweife ich aber ab. Kommunikation über Whatsapp also nichts besonders. Lustig wird es, wenn auf einmal neben mir jemand sehr hektisch wird:

Nachricht von Papa

Respekt, dachte ich erst, da ist ein Vater voll am Puls der Zeit. Das war war aber nicht der eigentliche Grund für die Hektik des Pubertiers. Nein, viel mehr war es der Inhalt, der sinngemäß in folgende Richtung ging

ICH WEISS NICHT WAS DU TREIBST, ABER SIEH BLOSS ZU, DASS DU DICH VON DER PORNOSEITE ABMELDEST!

ICH BEKOMME HIER STÄNDIG IRGENDWELCHE MAILS! ABER DALLI!

Ich habe natürlich augenblicklich betreten zur Seite gescha… Okay, gelogen. Meine Neugier war erst recht geweckt. Wenn drei Buchstaben in der Adresszeile des Browsers reichen, dann ist das meistens kein gutes Zeichen dafür, dass einem die Seite voll und ganz unbekannt ist.

Das gif, das in der Ecke der Seite lief, war auch durchaus eindeutig. Vielleicht hat auch nur eine nackte Frau versucht durch wildes auf- und abspringen einen viel zu vollen Koffer zu verschließen. Dann hätte sie das Problem aber wahrscheinlich viel leichter lösen können, indem sie einfach was angezogen hätte was im Koffer war. Dem Gesichtsausdruck nach, waren die Versuche des Handy-Besitzers eher weniger von Erfolg gekrönt. Ebenso wie die total glaubwürdige Aussage, die er seinem Vater als Antwort zurückschickte.

Ich hab nichts gemacht. Ich hab nur auf nen Link geklickt…

In Zeiten von RedTube-Abmahnung immerhin ein brauchbarer Versuch, aber „Ich hab nichts gemacht…“ hat schon vor dem Handyzeitalter vor 20 Jahren nicht gezogen. Meine Familie würde an dieser Stelle wahrscheinlich auch meinen Versuch zitieren, dass die Schere damals von ganz alleine an das Stromkabel gesprungen ist… Ich weiß also, wovon ich rede…

Auch an der Antwort des Vaters hat sich, gemessen an historischen Überlieferungen zu solchen Themen, nicht viel geändert.

Wir reden heute Abend zu Hause!

Neben mir also ein verstörter Jugendlicher, der trotz der Tatsache, dass er nun wirklich ein digital Native ist, scheinbar mit den Gesetzmäßigkeiten seiner Heimat nicht so ganz vertraut ist. In mir die tiefe Einsicht, dass sich auf der Welt nichts geändert hat.

Für ein paar billige Perlen bekommt man heute immer noch jeden Eingeborenen rum!

Ein Kommentar

  1. uz sagt:

    Es ist nicht nur das Land, auch das Gold (die Daten), das gegen einfache Perlen getauch wird.
    So teile ich deine Bild des Digital Natives.

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