„Mach ma‘ was mit… Linux!“

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So oder so ähnlich scheint der Auftrag an den Online-Redakteur des Feuilleton der SZ heute gelautet zu haben. Anders kann ich mir zumindest nicht erklären dass in der Rubrik „Digital“ der Online-Ausgabe ein Artikel voller sachlicher Fehler aufgetaucht ist.

Zugegeben, ich rangiere mit meinem Wissen wahrscheinlich über dem Durchschnitts-IT-Wissen der meisten SZ-Leser, habe meine Ansprüche für solche Artikel in normalen Tageszeitungen schon stark nach unten geschraubt aber das was hier geboten wurde sprengte dann doch die Toleranz-Grenze.

Aber, wenn eine bislang vollkommen unbekannte (Und auch von Fachseiten scheinbar bisher ignorierte) Linux-Distri beworben wird, lohnt es sich mal genauer hinzulesen.

Ich hätte es lassen sollen!

Schon die Überschrift ist eher zum schreiend davonlaufen denn zum weiterlesen:

„Linux-Distribution ArtistX – Kostenlos und nützlich“

Gut, das ist jetzt an für sich noch kein Feature… Die meisten (zumindest die großen die mir jetzt einfallen) Distributionen sind kostenlos… und nützlich ist eben so eine Auslegungssache. Kommt eben auf das Anwendungsgebiet an. Aber im folgenden stellte sich raus, dass der Autor auf etwas ganz anderes raus wollte.

Diese Linux-Distri ist nützlich, weil sie…

  • von DVD ohne Installation gestartet werden kann
  • auf dem jetzt stabile Ubuntu 11.04 basiert
  • Viele Multimedia- und Büroprogramme mitbringt
  • Einen Bootloader mitbringt…
  • …wenn man es durch ein kleines Programm dann auf dem Rechner installiert

Diese tollen Features beziehen sich auf den Orginaltext…

…in dem Anfangs der Name der Distribution falsch geschrieben war (Warum auch das Kernelement des Textes richtig schreiben…) und der Link falsch war (Warum auf korrekte Links in einer Online-Ausgabe achten…).

Wie schon gesagt, ich zähle vielleicht nicht 100% zur Zielgruppe des Textes weil das für mich kalter Kaffee ist, aber in einer Online-Ausgabe sollte man damit rechnen, dass auch solche Leute das lesen.

Abgesehen von den kosmetischen Dingen, ist der Inhalt ja noch viel schlimmer. Ich habe mir also die einzelnen „Features“ die diese Distri bietet mal vorgeknöpft:

Live-Linux

Fragen Sie jemand der halbwegs bewandert im IT-Bereich ist nach einem Live-Linux und sie werden mit Sicherheit eine Antwort bekommen: Knoppix! Das CD/DVD/USB-Linux von Klaus Knopper das seit 2002 mehr oder weniger das Allheilmittel-Testtool-Rettungsschirmchen ist wenn am Rechner gar nix mehr geht. Fährt der Rechner mit Knoppix nicht hoch, kann man davon ausgehen dass er wirklich hinüber ist.

In den letzten Jahren sind aber dann auch u.a. von Ubuntu und Fedora Live-Ableger rausgekommen: runterladen, brennen/kopieren, einstecken/legen und bei Gefallen das Betriebssystem installieren. Hups… jetzt habe ich im vorbeigehen das nächste „Feature“ dieser sensationellen Linux-Distri gekillt. Nicht anders habe ich schon vor drei Jahren von der Fedora 9 Live-USB-Version das System auf mein Netbook bekommen. Wie auch anders… so ohne optisches Laufwerk.

Stabile Ubuntu 11.04 Version

Ja, sie heißt „Stable“. Aber das war Ubuntu auch schon vorher. Und wenn man schon mit sowas prahlen will, dann doch bitte mit der 10.04. Das war nämlich die letzte Version mit Long Term Support (kurz LTS)-Version. Normalerweise werden alle Releases dazwischen, auch wenn sie als Stable definiert sind, nur als Spielwiese der Entwickler verstanden… kommt ja nach 6 Monaten ne neue.

Viele Multimedia- und Büroprogramme

…bringen irgendwie alle Live-Versionen mit die ich bis jetzt kennengelernt habe. Aber ganz ehrlich: Wer braucht 20 verschiedene Player, 10 Grafikprogramme, 6 Webcam-Programme und 2 Office-Pakete? Wenn man sowas dann wirklich verwenden will hat man meistens eines oder zwei. Den Favoriten, das mit der besten Unterstützung oder der hübschesten GUI. Ich möchte die bei der Installation auch nicht wirklich alle auf meinem Rechner haben um sie dann mühevoll wieder zu entfernen.

Bootloader

Scheinbar ist der nach meiner Kritik aus dem Text wieder rausgeflogen. Ich konnte ihn zumindest nicht mehr finden.

Ein Linux dass keinen Bootloader wie den Grub mitbringt, wäre mir noch nicht untergekommen. Bei keinem! Warum brauch ich so ein Ding? Naja, weil Linux im Gegensatz zu Windows nicht anmaßt die Alleinherrschaft auf meinem Rechner haben zu wollen sondern mich beim Starten des PCs fragt was ich denn eigentlich starten will. Ist also Standardgeschäft und war auch schon vor mindestens 10 Jahren bei meinem ersten Suse dabei.

 

Was bleibt von diesem Artikel am Ende also übrig?

Nichts!

Für mich hatte der Artikel keinen Mehrwert, warum gerade DIESE Linux-Distri vorgestellt wurde. Kein Alleinstellungsmerkmal gegenüber den Großen wie Fedora (Mit RedHat im Hintergrund) oder Ubuntu (mit Canonical im Hintergrund).

Mein Eindruck war eher, dass der Autor entweder keine Ahnung hatte, keinen Fragen konnte der Ahnung hat oder einfach völlig Fach-fremd keine Lust hatte sich mit irgendwas auseinander zu setzen.

Hätte nur noch gefehlt, dass er darauf hinweist, dass es jetzt eine grafische Oberfläche für Linux gibt und man nicht mehr für alles die Konsole benutzen muss…