Vorbildlich

Da stand ich also. An der roten Ampel in der Neubaustraße und habe gewartet.

Meinem Nebenmann ging es nicht schnell genug, also ist er schnell bei rot rübergewischt. Vorbildlich… Als die ältere Dame auf der anderen Seite das ehrfurchtsvoll gesehen hat, habe ich schon bis zu mir rüber gemerkt, wie sie innerlich anfängt mit den Füßen zu wackeln. Ich nicht. Ich habe Zeit. Zumindest so viel Zeit nicht vorzeitig als Kühlerfigur irgendwo auf einer Motorhaube zu landen.

Die Oma gegenüber nicht. Vielleicht weiß sie schon mehr als ich ahnte und hat eben nicht mehr so viel Zeit.

Während ich noch vor mich hinsiniere, lugt sie unter dem Schirm raus, hinunter Richtung Polizei… und läuft los. Ungeachtet des Autos, dass da aus dieser Richtung kommt. Mit Licht und eben doch für innerstädtische Verhältnisse normal schnell.

Die Oma war es nicht. Schnell, für innerstädtische Verhältnisse. Zumindest nicht schnell genug. Weder auf den Beinen noch im Kopf. Wäre sie gleich stehen geblieben, hätte der Fahrer des Golfs kein beherztes Brems- und Ausweichmanöver fahren müssen. Hupen traut man sich ja in dem Moment nicht aus Angst die Senioren könnten nicht als Wildschaden im Kühler landen sondern mit einem Herzanfall gleich umfallen. Nein, schnell im Kopf war sie auch nicht mehr. Sie ist einfach weitermarschiert. Hier laufe ich, auch wenn ich rot habe.

Man muss mir wohl meinen Blick irgendwo zwischen Verachtung und Entsetzen angesehen haben als sie auf der anderen Seite ankam, sonst hätte sie wohl nicht so verlegen gelächelt und gemeint

War schon knapp, oder?

Jede ironische, sarkastische oder auch irgendwie anders geartete Antwort wäre an dieser Stelle zu hoch gewesen. Auch Anspielungen darauf, dass ich es nicht so eilig habe auf den Friedhof zu kommen waren irgendwie weit weg. Ich habe es einfach auf den Punkt gebracht:

Deswegen war ja auch rot!

Ich glaube, ihr sind, ob dieser sehr einfachen Aussage, kurz die Gesichtszüge entglitten und sie konnte nicht anders als wortlos ihr Heil in der Flucht zu suchen.

Der junge Mann neben mir hatte andere Probleme. Man hat ihm geradezu angesehen, dass er damit kämpfen musste nicht in Lachen auszubrechen.

Und da wundere sich in Würzburg noch einer warum Fußgänger vor und gegen Autos laufen… bei solchen Vorbildern.

Ein Kommentar

  1. Groschi sagt:

    Tjaja, das ging mir beim Zebrastreifen am Holztor genauso, allerdigns als Autofahrer, dem ein Mann um die Mitte 60 genau vor die Haube lief, ohne zu schauen einfach rüber, trotz Rot und wartender Fußgänger. Aber er war mir zu alt als Kühlerfigur.

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