Und dann?

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Die letzte Mission ist geschafft!

Die Erde ist gerettet, der Endgegner bezwungen, alle verfügbaren Titel zieren die virtuelle Vitrine, der eigene Charakter hat die perfekten Gegenstände, bei deren Anblick die Gegner schon von alleine umfallen. Einmal mehr habe ich der Welt bewiesen, dass am Ende doch das Gute triumphiert. Oder das Böse… Je nachdem auf welche Seite ich mich die letzten Stunden, Tage und Wochen geschlagen habe. Geschlagen habe ich auf jeden Fall eines:

Das Spiel!

Die Credits flimmern langsam über den Bildschirm und erzählen mir wem ich dieses Erlebnis zu verdanken habe.

Doch ich nehme es eigentlich nicht wirklich wahr. Nicht einmal als die Credits zu Ende sind und ich unfreundlich wieder zurückgeschickt werde ins Hauptmenü des Spiels, sanft umschmeichelt von der Hintergrundmusik, die nach längerem passivem Konsum einem irgendwann nicht weniger auf die Nerven geht als die Hintergrundmusik eines DVD-Menüs.

>>New Game<<

blinkt es mich verführerisch an, aber eigentlich reizt es mich nicht mehr. Immerhin habe ich Stunde damit zugebracht zu lernen, wie ich den Gegner am geschicktesten ausmanövriere, weiß, wer wann und wo hinter welcher Ecke auftaucht und kenne die überraschende Wendung kurz vor Ende der Story, nach dem nichts mehr so ist wie es war. Außerdem will ich mir nicht noch einmal stundenlang die gleiche Stelle antun, bei der es mehr auf das Glück des richtigen Moments ankommt als auf handwerkliches Geschick am Eingabegerät.

Beenden!

Raus hier! Bevor ich doch noch auf blödsinnige Gedanken kommen. Doch mit dieser Entscheidung fängt das Dilemma dann erst richtig an. Jetzt starre ich zwar nicht mehr hohl das Hauptmenü an sondern meinen Desktophintergrund, aber auch der beginnt nach einer Weile eine psychodelische Wirkung auf meine Netzhaut zu entfalten.
„Was jetzt?“ ist also die Frage, die mein, teilweise noch vom eben bestandenen Endkampf aufgeputschtes, Hirn mir stellt. „Was spielen wir jetzt?“

Die Liste der theoretischen Möglichkeiten ist lang, aber nichts kann mich grad wirklich reizen. Irgendwo finde ich immer einen Haken, der mich davon abhält auf den ebenso verführerischen Butto „Jetzt spielen“ zu klicken.

Eine Runde Strategie? Nein, das Szenario ist zu ausgelutscht, die Spielmechanik sagt mir nicht zu und überhaupt fühle ich mich grad übersättigt. Ein Rollenspiel? Tagelanges vor sich hinleveln um mit einem Mausklick vielleicht alles zu zerstören? Nein, danke, auch dazu fehlt mir der Antrieb… Na, dann eben was mit Sport! Geh weg! Nürburgring und Co kenne ich aus dem Stegreif und Fußball-Simulationen verweigere ich mich schon seit geraumer Zeit. Keine Lust für ein Vollpreis-Update aber auch innerlich unwillig, mit einer Mannschaftsaufstellung zu spielen, die nicht der aktuellen Realität entspricht. Ein Teufelskreis!

Damit wäre dann die Liste der Möglichkeiten auch schon fast erschöpft. Und während ich in einem der verhassten Casual-Games Bälle, Kugeln und Edelsteine vom Bildschirm klicke, reift in mir ein Entschluss:

Schluss für heute!

Es sind auch noch Bier und Pizza im Kühlschrank. Und neben dieser Entscheidung drängt sich mehr und mehr doch eine Einsicht auf, die ich nur zu gerne dahin schiebe, woher sie gekommen ist:

Hardcore-Gamer sind wie Frauen: Einen ganzen virtuellen Schrank voll nichts zu spielen!

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich so selten ein Spiel wirklich bis zum Ende durchspiele?

3 Kommentare

  1. Nils sagt:

    Und dann gebe ich doch irgendeinem hässlichen Entlein eine Chance, und ich finde eine neue Perle. Es ist wirklich gut ab und an vor seinem Regal zu stehen, und sich zu einem alten, bisher verschähten Titel zu zwingen. Ich bin zum Beispiel gerade wieder frisch verliebt mit Okami vereint. Nach erscheinen mal ein paar Stunden gespielt, jetzt auf Grund des bereits erschienenen Nachfolgers wieder dringend geworden. Froh bin ich über die Dringlichkeit. Also los, zwing Dich!

  2. hazamel sagt:

    Ja, meistens läuft es so. 🙂 Ich pendel grad zwischen Dirt2, SC2 und Peggle Nights

  3. Verena sagt:

    @ Nils, das stimmt. Brütal Legend – eigentlich schon aussortiert – hatte auch nochmal eine 2te Chance und wurde zum Knaller. Ein NES Classic Spiel habe ich gar 19 Jahre nach Kauf fertig gespielt – mit großem Spaß.

    @ Haza, für mich zwar nicht neu 🙂 aber ein sehr guter Artikel. Auch wenn es etwas unangenehm ist, dass „all die Anderen“ uns jetzt so sehr in den Kopf schauen können.

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