Ratloses-Radweg-Raten

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Ich geb‘ es gleich am Anfang offen zu:

Ich versteh es nicht. Was vielleicht daran liegt, dass ich beruflich wenig mit Stadt- und Verkehrsplanung zu tun habe und noch weniger mit Radwegplanung. Ist in dem Fall vielleicht auch ganz gut, denn im Grundsatz sollten die wichtigen Dinge im Leben so simpel sein, dass man sie ohne Erklärung und Anleitung versteht.

Daran scheitert es bei mir beim aktuellen Bauvorhaben der Stadt Würzburg ein ganz kleines bisschen. Es geht um einen neuen Radweg.

Radwege per se sind erstmal ne gute Sache. Punkt. Die Ausführung ist dann nicht immer ganz so dolle. Wie zum Beispiel in der Valentin-Becker-Straße wo der Radweg auf dem Fußweg mitläuft, im unteren Bereich aber der Weg so schmal ist, dass das ne Herausforderung ist.

Oder eben jetzt zwischen Stadtmensa und Hubland. Weiter oben in der Zeppelinstraße hat man den Radweg als Teil der Straße schon länger eingezeichnet oder vor ein paar Monaten dann auch in der Wittelsbacherstraße.

Um das Netz zu komplettieren, so stellt es sich zumindest mir dar, hat man mit der Sanierung der Kreuzung Erthalstraße/Fichtestraße auch gleich einen Radweg mit eingezeichnet.

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An und für sich auch ne super Sache, aber schon dadurch tropediert, dass da ne Bushaltestelle ist und dass an eben dieser Stelle ziemlich oft Autos halten. Halb auf der Straße, halb auf dem Gehweg. Natürlich immer nur zum be- und entladen innerhalb der berühmten drei Minuten-Frist. Oder so ähnlich halt.

Was man an dieser Stelle auch schön sieht ist die Breite der Straße inklusive der Radwegmarkierung. Glücklicherweise ist kurz vor dem Bild ein Toyota Aygo von rechts nach links durchgefahren. Der passt gerade so, ohne die Linie zu berühren und Angst um seine Spiegel haben zu müssen, zwischen die Fahrbahn- und die Radwegmarkierung. Als Gegenverkehr an der Haltemarkierung hätte ich aber trotzdem ein bisschen Sorge um meinen Spiegel gehabt. Denn so ein Aygo ist mit 1,60m Breite jetzt nicht gerade ein Dickschiff. Der aktuelle Golf ist da schon 20 Zentimeter breiter und damit genauso breit wie der BMW X1 der heute Morgen an der Adalberokirche eingebogen ist und es eben nicht mehr geschafft hat nur „seine“ Spur zu benutzen. Was auch dran liegt, dass dort der rechte Rand des Radwegs nicht der Bordstein ist, sondern ein Fußbreit nach links versetzt ist, damit der Radfahrer einen „Sicherheitsabstand“ zu den dort parkenden Autos hat.

Dass auf der Strecke alle paar Minuten die Linienbusse der WVV fahren und hin und wieder mal ein Rettungswagen, lass ich einfach mal außen vor…

Der geneigte Beobachter mag jetzt folgendes einwenden

Ja, ist doch gestrichelte Linie mit dem Radweg. Da darf man doch fahren also ist das doch alles nur halb so schlimm.

Ich würde dem ja jetzt gerne zustimmen, aber die täglichen Beobachtungen belehren mich da eines besseren.

Für viele Autofahrer sind gestrichelte Linien scheinbar eine psychologische Barriere, die sie scheinbar vollkommen überfordert. Lässt sich hier um die Ecke immer wieder beobachten an einer gestrichelten Haltelinie mit einem Schild „Bei Rot Einfahrt freihalten“.

Heißt ja eigentlich ganz simpel: Wenn da schon zwei Autos an der Ampel stehen, stell dich nicht noch als dritter hinten dran und steh die Einfahrt zu sondern bleib hier stehen.

Was viele verstehen: Die Ampel ist rot, bleib hier stehen. Ich bin da durchaus schon verständnislos angehupt worden, weil ich überholt habe und mich direkt vor die rote Ampel gestellt habe.

Nicht anders hat der Aygo reagiert obwohl kein Radfahrer zu sehen: Schön zwischen den Linien bleiben.

Lustigerweise verhält es sich mit der doppelten Haltelinie für den Radfahrer und den Autofahrer genau anders: Meistens brummen die Autofahrer an dieser Stelle über die Linie drüber und nehmen die vordere.

Der Radfahrer hingegen sieht nur seinen Radweg. Mit gollumesker Betonung auf SEINEM Radweg. Dass er sich den Radweg mit den anderen Verkehrsteilnehmern teilen soll und das nicht sein Reservat ist, ignorieren einige Zeitgenossen einfach. Wahrscheinlich dürften sich so ein paar mehr finden, die auf die scheiß Autofahrer schimpfen, die auf dem Radweg fahren.

Was bringt’s also?

Aus meiner Sicht: Nix.

Wenn das zum vielbesprochenen Radwegekonzept der Stadt gehört, dann wundert mich langsam so gar nix mehr. Das ist nämlich Mist. Und zwar ganz großer.

Wo §1 der StVO eigentlich sonst gut geklappt hat, hat man jetzt ein paar Linien auf den Boden gemalt, die irgendwie aber doch nicht verbindlich sind sondern mehr verwirren. Den Bus werden die Radfahrer bergauf immer noch im Nacken haben oder, obwohl in den meisten Fällen (optisch) schon deutlich älter als 10, auf dem Fußweg fahren. Im besten Fall weiß der Radfahrer jetzt dass er rechts fahren muss und nicht in der Mitte der Straße.

Die Expertin der Aachener Nachrichten kam vor über zwei Jahren auch schon zum gleichen Ergebnis. Und wenn in der Franz-Ludwig-Straße irgendwas größer als ein Aygo kommt und noch was von vorne kommt, dann muss man zwangsläufig auf den Streifen fahren obwohl man ja eigentlich nicht soll. Und das trifft so ziemlich immer zu.

Warum also?

Ich habe keine Ahnung.

Vielleicht musste man bei der Stadt vor Jahresende noch schnell Geld loswerden. Oder man hat ein Feigenblatt gebraucht, dass man ja doch was für die Radfahrer in der Stadt macht. Oder oder oder…

Ich sehe auf jeden Fall frustrierte Verkehrsteilnehmer auf beiden Seiten.

Gut gemacht, liebe Stadt.