This is (not) a touchscreen

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Dankenswerterweise hat der Nils sich schon ausführlich dem Thema angenommen:

Windows 8!

Ich muss zugeben, was ich ja in den Kommentaren auch getan habe, ich bin zwiegespalten.

Auf der einen Seite finde ich es von Microsoft einen mutigen Schritt, allen Produkten aus ihrem Haus das gleiche Look-and-Feel zu geben und auch möglichst alles ein bisschen zu verweben. Ich verstehe auch, dass man den Zug „Mobile Endgeräte“, der gegenwärtig ja von Apple und von Android dominiert wird, nicht verpassen möchte.

Aber trotzdem fehlt mir ein bisschen das durchschlagende Konzept.

Altgediente Recken, Menschen, die nicht mit IT groß geworden sind oder sich mit Mühe und Not an den Rechner als ebenbürtigen Gegner im täglichen Kampf ums Dokument gewöhnt haben, werden eines sehr wichtigen Objekts in ihrem täglichen Leben beraubt:

Der Startbutton!

Nach 17 Jahren mustert Microsoft den nämlich aus. Programme heißen auch nicht mehr Programme sondern Apps und nach Möglichkeit soll man alles schön über die Metro-Oberfläche machen.

Macht bei Touch auch Sinn… auf dem Desktop aus meiner Sicht eher nicht. Selbst die Design- und UI-Gurus aus Cuppertino werden sich schon was dabei gedacht haben, dass sie zwei Betriebssysteme anbieten, die zwar Ähnlichkeiten haben, sich aber den Bedürfnissen der Nutzer auf dem System Mobil und dem System Desktop/Notebook anpassen.

Ich durfte beim experimentieren mit Android selber in den letzten Wochen erfahren, dass Touchoptimierte Oberflächen und Desktop-Eingabemethoden nur bedingt kompatibel sind. Und nichts anderes ist das neue Metro-Design ja. Immerhin kommt es originär ja vom Windows-Phone.

Lässt man eine virtuelle Andorid-Device auf seinem Rechner laufen, merkt man schnell, dass die Android-Oberfläche eindeutig nicht für eine Steuerung via Maus gedacht ist. So intuitiv dass auf dem Gerät mit dem Grobmotorikereingabegerät „Wurstfinger 1.0“ sein mag, so fremd und doof fühlt es sich mit einem Präzisionseingabegerät „Maus“ an. Einfachste Dinge, wie Sidescrolling per Wischen, fühlen sich mit der Maus einfach nur falsch an. Man hat sich lange Mühe gegeben wegzukommen von der staubsammelnden Kugelmaus hin zu Licht und Laser und bekommt jetzt eine Oberfläche vorgesetzt, bei deren zentralen Navigation durch das Betriebssystem auf jedem größeren Bildschirm der innere Drang aufkommt, das Luftgewehr oder die Armbrust rauszuholen um ein Programm, entschuldigung, eine App, zu starten.

Intuitiv wäre es also nur wenn man andere Wege der Eingabe etablieren könnte: Kinect (ein Schlem wer böses denkt… 😉 ) oder Touch-Bildschirme.

Ich möchte ganz ehrlich sehen, wer im Büro sich via Kinect durch den Explorer hangelt um eine bestimmte Datei zu finden. Spontan kommen mir dabei Bilder in den Kopf, die eher an die wild fuchtelnde Königin Metapha aus (T)Raumschiff Surprise erinnern, als an den supercoolen Look aus Minority Report.

Und Touch?

Frage 1:

Liebe Tablet-Besitzer, mal ehrlich, wie sieht euer Display aus. Wie Sau oder? Man sieht genau wo wie was hingezogen wurde, quergeschleift oder gedreht wurde. Jeden Drecksfettfingerabdruck. Touchscreens, selbst mit Schutzfolie, haben ihn immer. Den Schmierfettfilm!

Frage 2:

Wie reagiert ihr darauf, wenn ein gehasster Kollege jetzt den Bildschirm mit einem Touchscreen verwechselt und mal eben so nett ist und euch zeigt, dass die das Symbol rechts oben eigentlich nach links unten soll?

Hass? Wut? Mordgedanken? Naja, es würde dann ja gehen… und dann würde die Ausrede „This is not a touchscreen“ nicht mehr gelten. Und das ist dann Alltag… Lasst jetzt mal euren Laptop beim Kochen in der Küche stehen während ihr was bratet. Der Gleitfilm auf dem Display, der in ausgeschaltem Zustand mit Querschlieren unheimlich sexy wirkt, wird euer neuer Dauerfreund.

Tja, und dann wäre da noch Punkt 3:

Wie weit befindet sich der Bildschirm gerade von eurer Nase weg? In gemütlicher ach-kann-ich-jetzt-locker-anfassen-Entfernung? Wohl eher nicht. Außer man ist extrem kurzsichtig und hat die Brille vergessen. Nicht umsonst schreibt eine eher nicht so wichtig Verordnung wie die Bildschirmarbeitsplatzverordnung einen Mindestabstand von 50 Zentimeter zwischen Kopf und Bildschirm vor. Würde ich jetzt auf einen angenehme Touchentfernung umstellen, dann hätte ich gleich mehrere Probleme:

Anders als Touch-Devices haben Bildschirme eben doch einen Fuß. Ich muss also von von vornherein den Abstand zwischen Tisch und Unterkante Bildschirm irgendwie überbrücken, was zwangsläufig dazu führt, dass ich den Arm nicht mehr, wie eigentlich erognomischer, auflegen kann sondern am ausgestreckten Arm verhungere. Dazu kommt, dass ich noch diese anderen Eingabegeräte habe, vornehmlich die Tastatur, die sich auf halbem Weg zwischen Bildschirm und mir befindet und fürchterlich im Ellenbogen piekt.

Dazu kommt noch etwas, dass wahrscheinlich jeder Gamer kennt. Rücke ich den Bildschrim so dicht heran, dass die vorher genannten Punkte egal sind, komme ich mir vor wie bei Herr der Ringe im Kino in der ersten Reihe. Und ich spreche hier nur von einem Bildschirm. Wer das testen möchte, dem empfehle ich folgenden Versuchsaufbau: First-Person-Shooter auf einem 19″ 4:3 Bildschirm und dann auf einem 24″ Widescreen unter Beibehaltung des Abstands. Ich nehme das Ergebnis vorweg: Es ist doof… FPS macht keinen Spaß mehr. Ist wohl auch der Grund, warum der Abstand zwischen Couch und Fernseher immer größer wird (werden sollte) je größer die Diagonale wird. Auf einem Mobilen Gerät mit drei bis 13″ mag das nicht ins Gewicht fallen. Gängige Bildschirmgrößen wie 24″ (auch gerne zwei nebeneinander) trifft das schon härter.

Schon allein aus diesen Gründen wird sich wohl kein Unternehmen so schnell daran wagen seine Systeme auf Windows 8 umzustellen. Viele sind ja noch nicht mal bei Windows 7 angekommen sondern vertrauen weiterhin auf Windows XP, weil’s läuft und jeder damit umgehen kann. Ich weiß, Microsoft ist das egal, aber ist eben so…

Und dann wäre da noch die Serverwelt. Die letzten Microsoft-Server haben , soweit ich das überblicken kann, immer die Klassik-UI von NT gehabt. Grau, hässlich und funktional… Jetzt gibt es auch hier nur noch zwei Möglichkeiten:

Hardcore: Mache alles über die Konsole oder stirb.

Oder der Inbegriff von Klicki-Bunti dass es Klickibuntiger nicht mehr geht: Metro!

Mein Fazit nach allem zur neuen Oberfläche von Windows bleibt also, dass man besser ein Windows 7 Touch gemacht hätte für Tablet-PCs und Menschen die es unheimlich sexy finden per Kinect zu arbeiten und den Rest einfach so gelassen hätte wie es ist. Denn aus meiner Sicht wird sich die neue Oberfläche im professionellen Bereich wohl kaum durchsetzen. Dafür ist die bisherige Navigation mittels Maus und Tastatur zu sehr in Fleisch und Blut übergegangen. Wer heute schon schnell von Anwendung zu Anwendung springen will, der beherrscht seine Keyboard-Shortcuts im Schlaf und ist auf die Maus mehr oder weniger nur noch als Zeigegerät angewiesen. Und dass selbst die Software-Hersteller keinen Bock haben sich auf die neue Metro-Oberfläche einzustellen, zeigt Google mit der Chrome Beta für Windows 8 ja schon…

Tut mir leid, Microsoft, das haben sich eure Designer echt toll ausgedacht, aber ich werde mit der Idee nicht warm.

2 Kommentare

  1. Nils sagt:

    Jepp, habe ich.
    Jepp, ausführlich.
    Jepp, da steht auch schon meine Meinung, die nicht ganz so negativ wie Deine ausfällt.
    Jepp, ich muss hier gar keinen Kommentar schreiben.
    Mist

    1. hazamel sagt:

      Nee, musst du nicht… 😉 Hast du trotzdem!

Kommentare sind geschlossen.