Der Geek in der Mitte der Gesellschaft

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„Spätestens seit Big Bang Theory ist der Geek in der Mitte der Gesellschaft angekommen“

Ich glaube ja, jedes Mal, wenn dieser oder so ähnlicher Satz fällt, fällt irgendwo ein Tier tot vom Baum. Ein sehr süßes Tier. Irgendetwas das so flauschig ist wie ein Tribble aber sich nicht so schnell vermehrt wie ein Tribble. Sowas wie Rocket Racoon halt. Wobei Rocket nicht ohne einen anständigen Kampf vom Baum fallen würde und in dem Fall der Baum wahrscheinlich Groot wäre.

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Und nein, ich stimme dem Satz nicht zu. Zumindest nicht so, wie er da steht. Der Geek oder Nerd ist heute vielleicht medienpräsenter als noch vor 10 Jahren. Man bekommt mehr mit von der ganzen Star Trek-Star Wars-Hobbit-Herr-Der-Ringe-Comic-Und-Was-Weiß-ich-noch-alles-Welt.

Aber deswegen mehr in der Mitte der Gesellschaft? Ich weiß ja nicht…

Wenn ich das an mir festmachen würde, würde ich das schon ganz simpel beginnen: Ich würde mich eigentlich nicht als Nerd oder Geek bezeichnen. Warum auch? Ich bin schließlich ich und jeder andere Mensch hat ja auch das Recht nicht in eine Schublade gesteckt zu werden. Ich fühle mich zwar auch durch keinen der beiden Begriffe beleidigt, aber ich würde sie auch nicht für mich selber in Anspruch nehmen. Das machen höchstens andere.

An dieser Stelle mag ich übrigens die Klassifikation, die Nicolas Beaujouan in seinem Buch „Geek“ getroffen hat: Geek und Nerd ist wie Banner und Hulk. Der Geek versucht den Nerd im Zaum zu halten, aber irgendwann kommt er immer mal wieder durch. Natürlich ohne mit einem „NERD SMASH“ irgendwas zu Brei zu schlagen.

Warum also nicht? Naja, weil ich mich eher als vielseitig interessiert sehe. Ich mag zum Beispiel Comics. Ich habe diverse Abos und kenne mich ein bisschen in der Marvel-Welt aus. Ich merke, wenn die Filme von den Comics abdriften, und im bisherigen Vergleich schneiden die Comics bei mir als Gewinner ab. Ich zähle aber nicht zu den Leuten, die man mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen kann, und die einem ohne wach zu werden den Unterschied zwischen den verschiedenen Spider-Man-Ablegern erklären können.

Ganz zu schweigen von den Cosplayern, die ich für ihr Talent mehr als beneide.

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Nicht anders verhält es sich in den anderen typischen Geek-Domänen wie Rollenspiel, Videospiele, Sci-Fi oder Tabletop. Ich mag den Kram, aber ich bin da nicht fanatisch eingefahren. Naja, meistens zumindest nicht…

Aber selbst dieses „mögen“ scheint schon zu reichen, um links den Blinker zu setzen und die Mitte der Gesellschaft mal eben zu überholen. Lächelnd und winkend. Man „wird“ halt doch kein Geek und schon gar nicht indem man sich mal drei Folgen Doctor Who anschaut und ne Staffel Big Bang Theory.

Unterstrichen wird meine Theorie noch davon, dass ich immer noch mit großen Augen angeschaut werde, wenn ich sage, dass einen Lieblings-Comicbuchladen habe und komische Strategiespiele spiele mit dicken Regelbüchern und kleinen Figuren, die man selber basteln und bemalen muss. Oder auch nur wenn man erklären muss, was eine Nerfgun ist und warum man sowas zu Hause hat. Das ist in den meisten Fällen dann übrigens der Aha-Moment in Sätze fallen wie

Das ist ja wie Big Bang Theory. Da versteh ich meistens nicht viel wenn die reden, aber ich finde das witzig.

Spätestens da stelle ich dann immer wieder fest, dass die Mitte der Gesellschaft sich scheinbar doch nicht so sehr verändert hat in den letzten Jahrzehnten: Die Typen vom Comicbuchladen sind lustig, verstehen tut man sie aber nicht. Also alles beim Alten…

Wäre da also noch der vielzitierte (Schul-)Mythos

Schauen Sie sich Herr XY an… Der wird in der Zukunft mal ihr Chef

XY war meistens einer der Klischeenerds und die Adresse dieser Ansprache die Klischee-Schulschönheit oder der Klischee-Sportler. Also irgendwas das sozial in der Schule voll abgeräumt hat.

Ich möchte hier niemanden desillusionieren, aber auch nach 10 Jahren in einem Klischee-Geek-Beruf muss ich eines feststellen: Davon ist (zumindest bei mir) nichts eingetreten. Oder ich habe es nicht mitbekommen.

Diejenigen, die reich geworden sind weil sie Nerds sind, dürften die Spitze des Eisbergs sein. Eine sehr kleine Spitze.

Mir wäre auch nicht nicht untergekommen, dass jemand zum begehrten Sexsymbol geworden ist, weil er eine Unmenge an unausgepackten Plastikfiguren zu Hause hat. Oder tonnenweise Lego. Zumindest nicht bei „Normalos“. Es mag da draußen durchaus Frauen geben, die das anmacht, aber die spielen dann in der selben Liga.
Oder, wie ich, Schränke und Vitrinen mit selbstbemalten Spielfiguren füllen kann.

Bleibt also der Beruf, bei dem man angeblich Chef werden sollt. Ja, ich mache was klischeegeekiges mit Computern. Ich weiß wovon ich rede, bin aber auch hier wieder keiner der bis in die hinterletzte Codezeile frickelt und bastelt. Die Reaktion darauf ist aber meistens entweder totale Überforderung (ja, das sieht man, wenn jemand geistig aussteigt…) weil sie es nicht einordnen können oder was in der Richtung

Also mein Computer macht immer $BeschreibungKomischesVerhalten. Weißt du woran das liegt?

oder

Cool, du kannst programmieren. Kannst du mir mal $Dingensbummens programmieren?

Die, meiner Meinung nach, beste Reaktion auf solch eine Aussage hat mal ein Bekannter von mir gebracht, der mit den Worten „Ich geh mal schauen ob noch Bier im Kühlschrank ist“ aufgestanden und gegangen ist.

Alles in allem kann ich mir also nicht so ganz erklären, woher die These kommt, dass die Geeks in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Vielleicht ist es auch genau andersrum: Vielleicht ist die etablierte Mitte der Gesellschaft ein bisschen wehmütig und neidisch, dass es da eine Subkultur gibt, die sich auch jenseits des eigentlichen „erwachsen seins“ kindlich (manchmal auch kindisch…) über „Zeug“ freuen kann. Denen es egal ist, ob es cool oder uncool ist, dass man mit über 30 noch „Spielzeug“ kauft. Die ihre eigenen, subtilen Erkennungsmerkmale haben, bei denen man sich (teilweise innerlich) anerkennend zunickt, weil man weiß, dass der Gegenüber zum gleichen Club gehört wie man selber.

Und überhaupt:

Wer hat eigentlich gesagt, dass die Geeks in der Mitte der Gesellschaft ankommen wollen?

Ich fühle mich da, wo ich bin eigentlich ganz wohl und will hier gar nicht weg.

2 Kommentare

  1. Sehr guter Artikel – musste mal gesagt sein!

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