Bahnresozialisation

Bahnresozialisation

Ich geb’s ja zu: Ich hab’s total vermisst die letzten zweieinhalb Jahre. Unterwegs zu sein mit der Bahn. Vor allem Langstrecke.
Und weil man es ja langsam angehen lassen soll, habe ich mir für meine Resozialisierung mit der Bahn was leichtes zum Einstieg ausgesucht. Würzburg – Hamburg und zurück. Immer geradeaus. Kein Umstieg. Überschaubare Fahrzeit. Unter der Woche. Mittags. Kindergarten sozusagen.

Ich hatte aber nicht mit der Bahn gerechnet. Die hatte nämlich anderes im Sinn. Und das schon bevor ich überhaupt im Zug saß: Nach 30 Jahren wird die Schnellfahrstrecke zwischen Würzburg und Fulda generalüberholt. Und das dauert eben. Teilweise bis 17. Oktober und komplett bis in den Dezember. Heißt: Wo man sonst bis Fulda eine halbe Stunde brauchte, braucht man jetzt anderthalb Stunden, was die Fahrzeit nach Hamburg von 4 auf 5 Stunden verlängert. Überlegung mit dem Auto nach Fulda und von dort aus weiter, bringen auch nicht viel. Also sitzen im Zug und das Main- und Sinntal genießen.

Scheinbar hat man bei der Bahn meine Gelassenheit zur Kenntnis genommen und dann die nächste Stufe gezündet: Es kommt nur der halbe Zug und schon geht die Auslastung von „gering“ auf „stark“ hoch. Genau das, was man bei Corona braucht. Zumindest war man so fair, meinen Teil des Zuges kommen zu lassen. Ich hatte trotzdem keine Lust und habe einen Zug früher genommen und kurzfristig reserviert.

Kurzfristig reservieren ist ne tolle Sache. Also außer bei Leuten, die nicht wissen was „reservieren“ ist und von kurzfristig auch nichts gehört haben. Und so kam es wie es kommen musste:
„Ich habe den Platz reserviert“
„Ach echt…?“
(„Nee, nur Spaß… ich ärgere nur gerne Menschen“)
Da bringt halt das ganze Konzept der Bahn nix, wenn man Leute hat, die zu clever sind bei einer mittleren zweistelligen Summe für das Ticket auch noch 4,50 € für die Reservierung auszugeben. Gut, ich war dann aber immer noch tiefenentspannt. Waren ja auch genug Dinge für den Start. Und ich sitze im Zug auf dem Weg nach Hamburg und pünktlich ist er auch noch.

Tja, nur dass das neben dem Reservierungskonzept auch das Konzept des Ruhebereichs noch nicht überall angekommen ist. Also hatte ich die Klassiker in unmittelbarer Umgebung: Antiautoritäre, genervte Eltern mit kleinen Kindern und Vieltelefonierer. Hätte ich Furzipups den Knatterdrachen mitnehmen sollen?

Aber jetzt war’s doch dann mal gut oder? Mein Bahnbingo war schon gut genug gefüllt. Nee, war es nicht. Das Ding mit der Verspätung fehlte ja noch. Die haben wir uns dann in Kassel geholt. Weil die Tür nicht zuging. Also einen Doppeltreffer auf der Bahnbingokarte: Türstörung und Verspätung. Und was ist besser als Verspätung? Mehr Verspätung. Dieses Mal in Form einer Langsamfahrt vor Göttingen weil Personen im Gleis waren. Scheinbar aber am Stück und nicht in Stücken. Sonst hätten wir am Ende noch die zusteigende Schulklasse auf Klassenfahrt verpasst. (Wieder ein Doppelcheck auf dem Bahnbingo…). Damit war der Ruhebereich dann auch endgültig durch.

Was ich auch verdrängt hatte, war dass der ICE nach Hamburg ab Hannover gefühlt an jeder Milchkanne hält:
Hannover – Celle: 20 Minuten
Celle – Uelzen: 20 Minuten
Uelzen – Lüneburg: 25 Minuten
Ungefähr 120 km und vier mal halten.

Aber hey, was sollte sonst noch schief gehen, so kurz vor dem Ziel? Zum Beispiel dass in Hamburg die S-Bahnstrecke nach Dammtor dicht ist und damit (O-Ton der Zugbegleiterin!) der Hauptbahnhof voll ist. Also standen wir. 20 Minuten. Auf der Oberhafenbrücke. Mit Blick auf’s Verlagsgebäude des Spiegel. Wahrscheinlich wäre ich zu Fuß schneller gewesen. Und ja, der Hauptbahnhof war wirklich voll. Auf dem Bahnsteig war fast kein durchkommen und auch auf der Galerie war es sehr voll.

Die Bahn hat sich auf jeden Fall alle Mühe gegeben mir zu zeigen, was ich die letzten Jahre nicht vermisst habe. Immerhin war ich als Entschädigung auf dem Rückweg dann 10 Minuten früher in Würzburg. Die Baustelle scheint ziemlich unkalkulierbar zu sein.

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