Wortklauberei (+ein Update)

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Ich hatte mir ja eigentlich ganz ganz fest vorgenommen, dass das Thema durch ist für mich. Aber nach gestern Abend bzw. heute vormittag kann ich mich dann doch nicht zurückhalten.

Es ist immer wieder schön, wenn die Medien sich durch Wortklauberei feinsinnige Unterscheidungen bemerkbar.

Nein, das gestern Abend war kein Amoklauf. Nein, das gestern Abend bei Hildesheim war ein Familiendrama.

Weshalb die Unterscheidung? Ganz einfach, die Faktoren passen nicht in das Bild eines Amokläufers, dass die Medien mühsam innerhalb den letzten Jahren aufgebaut haben.

  1. Das hier war ein erwachsener Ehemann und Familienvater. Kein pickeliger Kellerkind-Nerd, der „da draußen“ nur über die Webcam seiner Internetseite kennt. Umso schwerer dürfte es also sein, einen „Freund“, Kollegen oder Nachbarn zu finden, der sich glaubhaft vor die Kamera zerren lässt und aussagt, dass der vermeintliche Täter ein zurückgezogener Einzelgänger war, der Horrorfilme und Pornos gesammelt hat und den ganzen Tag Killerspiele gespielt hat.
  2. Der Mann ist nicht öffentlichkeitswirksam in eine Schule oder seine ehemalige Arbeitstätte gestürmt ist und aus Rache Lehrer, Schüler oder Kollegen erschossen hat. Sowas ist dann eher ein Fall von „häuslicher Gewalt“. Hätte er keine Waffen im Haus gehabt, hätte er seine Frau wahrscheinlich „nur“ geschlagen oder mit dem Messer angegriffen und das ganze wäre über den Lokalteil nicht rausgekommen.
  3. Vor allem weil er nicht in die Gruppe der bösen Jugendlichen fällt die am Stammtisch für den potentiellen nächsten Amokläufer. Denn um eine Amokläufer zu sein, muss man ja ein Killerspiel-Spieler sein. Alles andere ist dann eher sowas wie ein Unfall

Was bleibt also von dem sorgsam aufgebauten Gerüst des Amokläufers über, wenn es kein Amoklauf war sondern nur ein Familiendrama?

  1. Der Zugang zu Waffen und das Wissen wie man damit umgeht. Denn sind wir doch mal ehrlich. Wenn man jemand eine Waffe in die Hand drückt, der nur mit CS trainiert hat, dann wird der wahrscheinlich schon am Sicherungshebel scheitern. Und laut ntv von gestern Abend war der Mann wohl Jäger.
    Und mir ist auch kein Fall bekannt in dem ein Amoklauf dadurch gekennzeichnet war, dass jemand durch die Gegend gelaufen ist und wahllos an die Erstbesten die er getroffen hat, Backpfeifen verteilt hat. In die Richtung kommt dann höchstens noch der Messerstecher von Berlin, der bei der Eröffnung des Hauptbahnhofs sein Unwesen getrieben hat.
  2. Es gab wohl Probleme. Entweder hatte er die mit sich selber oder eben mit seiner Familie.

Und wenn man dann die beiden Punkte anschaut, so treffen sie auch auf die anderen Amokläufer und Familiendramen zu. Einzig und allein das Alter und die Tatsache, dass derjenige nicht in das Bild der Medien vom typischen Amokläufer passt scheint den UNterschied zwischen einem Familiendrama und einem Amoklauf zu machen. Denn das die Anzahl der Todesopfer keine Rolle spielt zeigt, dass auch Taten bei denen niemand ums Leben kam, der Täter aber so schön ins Klischee passt, als Amoklauf tituliert wird.

Update #1:

Wie im in den Kommentaren verlinkten Trackback zu lesen ist, nennt man sowas wohl eher „erweiterten Suizid“. Dem eigentlichen Suizid geht dann wohl die Ermordung Dritter voraus (meist Partner und Kinder). Gut, wenn das das Abgrenzungskriterium ist, dann… sehe ich den Unterschied trotzdem noch nicht. Immerhin trifft das auch auf die anderen Amokläufer zu und irgendwie nicht auf den Amokläufer der rumgeballert hat aber nix getroffen hat.

2 Kommentare

  1. Madse sagt:

    Hauptsache Schlagzeilen, die jeder auch ohne Brille lesen kann ^^

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