Willkommen im Mutantenstadel – Unheilig Jubiläumstour in Chemnitz

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Lesezeit ~ 4 Minuten

“10 Jahre Unheilig” ist der vollmundige Titel der Tour. Irgendwie hatte ich auf zwei Stunden Best-of inklusive “gutem, Altem” gehofft und möglichst wenig des neuen Albums. War nicht so, aber bis dahin, war es ein weiter Weg…

Glücklicherweise wohnt meine Schwester in Laufweite der Chemnitz-Arena womit Parkplatz- und Übernachtungssorge schon gelöst waren.

Der eigentliche Spaß, begann aber dann erst an der Arena. Die erste Verwirrung war über die paarweise Schlange, die einmal um den Block ging, und auf den Einlass wartete… was uns aber reichlich wenig interessierte, da wir aus der anderen Richtung kamen, an der Schlange vorbeimarschiert sind um uns in der Menschentraube am Eingang anzustellen. Schlage stehen… Paarweise… soweit kommt’s noch. Sowas hab ich ja auf noch keinen Konzert gesehen. Abendkasse gab’s keine, weil ausverkauft. Also frag ich mich ernsthaft, wer da so doof ist, sich in Schnee und Regen so anzustellen. Aber nun gut, es sollte ja nicht das letzte Mal sein, dass ich mich an diesem Abend gewundert habe.

Spätestens in der Schlange am Einlass hatte ich kurzzeitig die Befürchtung, dass ich irgendwie auf der falschen Veranstaltung gelandet bin. Ist das hier ein Pur-Konzert? Oder gar Musikantenstadel? Hier sind so viele “normale” Menschen. In bunter Kleidung… Nein, Ort stimmt, Zeit stimmt… und da drüben stehen ein paar normale in schwarzer Kleidung mit Bändern an der Hose rum. Puh… Glück gehabt.

Einmal in der Halle (Nicht jeder kennt das normale Prozedere beim Einlass zu einem Konzert, damit es schneller geht), hat sich am Eindruck aus der Einlassschlange nicht verflüchtig. Wer “standesgemäß” den Bands und dem Anlass entsprechend gekleidet war, ist definitiv aufgefallen. Und nicht nur das… Spätestens im Foyer war klar, dass hier wohl irgendwas ganz ganz ganz schrecklich anders ist, als ich das erwartet habe. Das “Unheilig-Kinderland” mit Mal- und Spielecke und der Hinweis zur Family-Area waren schon sehr bedenklich. Aber auch damit war dann der Boden des Horrors irgendwie noch nicht in Sicht.

In der Halle selber wurde nur noch deutlicher klar, dass man als “Schwarzer Mittzwanziger” irgendwie nicht die angepeilte Zielgruppe war: Karrierte Hemden, 40 bis 50 plus, bunte Pullover…. Laut den Videowänden bin ich aber beim Unheilig-Konzert und nicht bei Hansi Hinterseer. Vielleicht “mutieren” sie ja mit der ersten Band. Hoffentlich… sonst wird das ein schrecklich schräger Abend. (Irgendwie war ich auch froh, dass ich am Abend zuvor nicht auf schwarzem Freitag war… da wäre der Fall nur noch tiefer gewesen).

19 Uhr… das Licht geht aus, Mono Inc. stürmt auf die Bühne und begrüßt das Publikum…

…mit “Hallo Leipzig!”

D’Oh… danke auch. Ich höre innerlich schon die Sprechchöre:

Ihr! Könnt! Nach Hause fahr’n…

…aber die blieben aus. War wahrscheinlich nicht das Publikum dafür.

Wenn es nur diese Meinung gewesen wäre, die meine Schwester und ich an diesem Abend exklusiv gehabt hätten, dann wäre das alles nur halb so wild gewesen. War es aber nicht… wir hatte auch im Umkreis von mehreren Metern das Recht auf Tanzen ziemlich exklusiv. Um uns rum war erstmal weit und breit keiner zu sehen, der sich auch nur annähernd bewegte. Ein kleines Fangrüppchen vor der Bühne, aber sonst. Von den Sitzplätzen mal ganz zu schweigen… dazu aber später.

Nun gut… Mono Inc. hat sich echt Mühe gegeben, den Laden in Schwung zu bekommen. Unter anderem mit dem unheimlichen einfach mitgröhlbaren Iggy Pop-Klassiker “The Passenger” auf einer Akustik-Gitarre. Einfaches Lied, perfekt für rhythmisches Schunkeln… und “Lalala” dürfte nicht so schwer mitzusingen sein. Denkt man… Nicht mit dem Chemnitzer Publikum. Das muss man mehr oder weniger dazu treten, dass sie mitmachen.

Gut, war halt “nur” die Vorband… aber wenn die jetzt schon so Ölgötzig sind. Wie soll das dann beim Rest werden?

Während ich mich also in der Umbaupause zu Apoptygma Berzerk aus meiner ersten Schicht geschält habe, weil es auch so schon im T-Shirt warm genug war, zogen andere neben mir grad den Reisverschluss ihrer rosa Winterjacke wieder hoch. Mädel, BEWEGUNG hilft!

Das endgültig vollkommen “Nicht das passende Publikum” war dann der Moment, als Apoptygma Berzerk das Publikum mit 10 Minuten “Kathy’s Song” verwöhnt hat… oder versucht hat zu verwöhnen. Die üblichen Grüppchen haben abgefeiert. Der Rest im Umkreis war selbst mal mit eingeblendeter Textzeile auf der Videowand (ZWEI ZEILEN!!!) nicht in der Lage in Stimmung zu kommen. Bewegung auf den Rängen: Nada! Wahrscheinlich chinesische Statisten, denen jemand gesagt hat: Setz Dich da hin und klatsch. Unweigerlich hat mich das an Mittermeiers “Kumba Ya” erinnert: Es ist schon schwer bei einem eindeutigen Beat DANEBEN zu klatschen. Aber, nicht ist unmöglich… Real-Satire deluxe.

Dass da doch noch Leben in der Halle steckt hat man nur gemerkt, als zum Schluss noch “Major Tom” in der englischen Version gespielt wurde.

Jaha… Dat kennt auch das Chemnitzer Publikum.

Da muss man kein Grufti, Gothic oder sonstwas sein, dass das auch das Musikantenstadel-Publikum das mitgröhlen kann.

Es konnte ja nur besser werden (auch wenn ich diese Hoffnung schon aufgegeben hatte nach Mono Inc.).

Also weiter zum Main-Act. Eingeleitet wurde das ganze von einem leicht selbstironischen Video, das den Graf bei “The Dome” zeigt, wie er Unterschriften auf einem Pullover für ein Charity-Projekt sammelt. Noch jemand Zweifel am kommerziellen Ausverkauf?

Für den Titel “10 Jahre Unheilig” und ein 2 Stunden Set waren es doch gefühlt ganze drei Lieder (Freiheit, An deiner Seite, Maschine) die nicht vom letzten Album waren. Ganz ehrlich, als er angekündigt hat, dass er seinen neuen Winter-Song (pünktlich vor Weihnachten… Ein Schelm, wer böses denkt) als nächstes spielt, hatte ich schon so ein bisschen Brechreiz im Hals.

Ich habe ehrlich erwartet, dass bei Freiheit das Dach abhebt… Fehlanzeige!

Als bei den “unpassend” gekleideten langsam durchsickerte was “Maschine” ist, wurden die Gesichter auch länger. Hallo… Da ist sie ja, die “Neue deutsche Härte”! Können wir so weitermachen? Nein…? Schade…

Endgültiges Ende bei mir war dann, als von hinter mir (Polohemden und karrierte Hemden-Fraktion mit dem Unheilig-Fanschal um den Hals) vor der zweiten Zugabe kam:

Der kann noch nicht aufhören! Da fehlen noch zwei Lieder!

Nicht nur, dass da definitiv mehr als zwei Lieder fehlten, nein, “die zwei Lieder” kamen dann wirklich noch. RTL II-Titelsong “Geboren um zu Leben” und Bundesvision-Songcontest-Gewinner-Song “Unter Deiner Flagge”. Und, sieh an… da kommt Bewegung in die kreischenden, weiblichen, bunt gekleideten Mittvierziger… Danke… Willkommen im Kommerz auf einer Stufe mit Hansi Hinterseer und Florian Silbereisen.

Abwenden! Mit Grausen…

Und wenn ich schon bei Bewegung bin: Die Ränge haben sich bewegt… Einmal, für ein Lied, nach Aufforderung! Lied rum, alles setzt sich  wieder…

Fazit des Konzerts:

Der Ton war Top! Kann man nichts gegen sagen. Herzmassage vom Bass aber kein Ohrensausen im Anschluss. Das kenn ich auch anders 😉

Dennoch bin ich der Meinung, dass er sich durch seine massive Kooperation mit RTL II keinen Gefallen bei vielen getan hat, die in die 9 Jahre vorher unterstützt haben. Sobald ich mir auf so einem Konzert als “schwarzer” (Okay, Samstag nur “teilschwarz”) komisch vorkommen und Frauen mit Corsage im Foyer seltsam beäugt werden, ist irgendwas schief gelaufen mit der ursprünglichen Fan-Base.

Danke auch, für mich nicht mehr!

3 Kommentare

  1. Madse sagt:

    Grr… rausam! Da soll nochma einer sagen, Kommerz sei ‘doch nicht so schlimm’…

  2. Jule sagt:

    Ja, auch wenn ich eine derjenigen auf den Rängen war… Aber ich hab mir schon bei den Vorbands gedacht, dass das Publikum sowas von unrockbar ist, dass es schlimmer schon gar nicht mehr geht. Schande…

  3. Jenna sagt:

    hahahahahaha! entschuldige, wenn ich lache, aber sowas kenne ich nur zu gut von anderen bands. kommt eben mit dem kommerziellen erfolg. ich muss dann auch immer fast kotzen.

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