Was der Bauer nicht kennt…

on

Lesezeit ~ 1 Minuten

Angesichts der Notlandung in Amsterdam hat es wieder mal die traditionellste Zeitung Deutschlands geschafft, sich durch einen einmaligen, neiderfüllten Bullshitkommentar zu Twitter zu disqualifizieren.

Wenn man sich den Kommentar so durchliest, drängt sich bei mir der Eindruck auf, dass der Autor eigentlich nur neidisch ist, dass jemand schneller war als er und dass er etwas eingesetzt hat, mit dem der Autor selber scheinbar nicht wirklich viel anzufangen weiß.

Das erinnert mich stark an dem Kommentar bei Heise oder Golem, wo auch schon der Sinn von Twitter in Frage gestellt wurde (“Ich hab mich da mal angemeldet, keinen gekannt und dann nie mehr benutzt”). Was hier aber noch mitschwingt ist eben der Neid, dass man nicht der erste war und die innere Genugtuung, dass dann doch wieder auf die traditionellen Medien verwiesen wird.

Ein bisschen erinnert diese Sache doch einen elitären Golfclub der es nicht ertragen kann, dass der Fussballverein nebenan mehr Erfolg hat. Perse werden Nutzer einfach abqualifiziert zu Möchtegern-Reportern, die dem gehobenen Stand der studierten Journalisten nicht das Wasser reichen können. Ähnliches hat man ja auch schon mit der Kommentarfunktion bei der Süddeutschen erlebt. Da hatten die Journalisten scheinbar ja auch Probleme damit, dass sie auf einmal lesen konnten, was die Unwürdigen, denen man dankenswerterweise einen Artikel vorsetzt, nicht immer mit Jubelstürmen und Lobpreisungen antworteten, wie man sich das erhofft hatte, sondern sofort mit Kritik überzogen wurde, was man widerum nicht so sehr gewohnt war.

Dass die lesende Clientel zur Zeitung passt offenbart sich dann aber erst in den Kommentaren der Leser.

Man stößt ins gleiche Horn und stellt den Sinn eines solchen Angebots in Frage. Wer das nutzt, muss ein Nerd oder ein Arbeitsloser sein, der den ganzen Tag nichts besseres zu tun hat, als vor dem PC zu sitzen und im Internet zu sein.

Selbstredend stößt man bei dieser Zielgruppe mit Begriffen wie Widgets und Clients auf taube Ohren, weil das gleich zweimal nicht in ihr Weltbild passt. Denn: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!

Ironischerweise haben andere Medien Twitter schon für sich entdeckt: Der BR twittert, SpiegelOnline in mehreren Kategorien und nicht zu vergessen, ein gewisser Barack Obama und einige der Abgeordneten.

Ich lasse mich mal überraschen, ob meine Kommentare zu diesem Artikel überhaupt freigeschaltet werden oder ob ich doch zu kritische Töne angeschlagen habe, indem ich dem Autor nicht jubeln zugestimmt habe.

4 Kommentare

  1. MrBrook sagt:

    Ich sehe jetzt nichts, was man diesem Kommentar vorwerfen könnte. Der Autor hat recht, wenn er sagt, dass die getwitterten Informationen oft ziemlich belanglos sind und nicht viel bringen. Von Twitter erfährt man allenfalls, DASS etwas passiert ist. Ein umfassendes Bild kann man sich aber meistens erst durch Berichte der Medien machen, die wesentlich mehr Informationen liefern, als ein Augenzeuge.

    Die Stärke von Twitter ist die unglaubliche Schnelligkeit. Die Schwäche ist der Mangel an Hintergrundinformationen, eine Aufgabe, die dann von den traditionellen Medien übernommen wird.

  2. sehr nett.
    deine Kommentare zum Kommentar sind freigeschaltet…
    🙂

    also, um das mal nett zu sagen:
    der Artikel von dem FAZ Menschen ist auch nicht aussagekräftiger wie es irgendwelche twittermeldungen sein könnten …
    🙂

  3. hazamel sagt:

    @MrBrook:
    Ja, aber dass man das auch wertfreier ausdrücken kann, zeigt zum Beispiel der Focus gestern zum gleichen Thema.
    Dort gesteht man Twitter zu, dass es schneller ist und präsentiert dann mit weit weniger Genugtuung dass die genaueren Infos dann doch von den traditionellen Medien übernommen wird.
    Und ergänzt dann noch, dass der Twitterer als Interviewpartner sehr gefragt ist.

    Zudem ist es doch schon fragwürdig, sich über Bürgerjournalismus aufzuregen, aber dann Bildmaterial zu verwenden dass eben von Twitterern geschossen wurde. Und, was für mich moralisch viel fragwürdiger ist: Eine Bilderserie in der aus nächster Nähe auf die Verletzten und Überlebenden des Absturzes draufgehalten wird.

    @noch ein Markus:

    Ja, ich habs gesehen… Und gnadenlos downgevoted worden. Was ich allerdings eher als Bestätigung ansehe, dass das Leserpublikum der Online-FAZ genauso technikafin ist wie es die Zeitung an sich schon vermuten lässt

  4. MrBrook sagt:

    @hazamel: Wieso sollte es wertfrei ausgedrückt werden? Das ist ziemlich eindeutig ein Kommentar zum Thema, kein normaler Newsartikel. Und Kommentare sind wertend, weil sie die Ansichten des Autors wiederspiegeln.
    Ich finde es auch nachvollziehbar, wieso der Artikel nicht grade Twitterfreundlich herüberkommt. Twitter hat – wie viele Web 2.0-Anwendungen – zwar Stärken, weil jeder daran teilnehmen kann und einige Teilnehmer sehr zeitnah am Thema dran sind. Aber es hat grade bei den Informationen auch massive Schwächen. Die größte Schwäche ist wohl die Glaubwürdigkeit (Wer weiß schon, welche Person hinter einem x-beliebigen Twitter-Nutzer steckt?). Ein fast ebenso großes Problem ist die Informationsflut. Bei Großschadensereignissen ist es wenig förderlich, wenn man aus 500 Twittermeldungen die wesentlichen Informationen herausfiltern und anschließent nach Relevanz ordnen muss, erst recht, wenn 400 Meldungen einen nahezu identischen Inhalt haben.

    Aus diesem Grund halte ich Twitter bei der Newsbeschaffung auch für weitestgehend überflüssig. Es ist zwar für den privaten Bereich ein netter Dienst (sofern man es mag), für die Berichterstattung ist es aber entbehrlich. Der einzige wirkliche Mehrwert, den Twitter bringt ist, dass herkömmliche Medien und Behörden Augenzeugen leichter ausfindig machen und befragen können.

Kommentare sind geschlossen.