Von der Lust keine Lust mehr zu haben

on

Seit Montag ist mir ziemlich schlagartig erstmal die Lust vergangen noch irgendetwas von längerem Bestand in meinen Blog zu investieren.

Was der Grund ist? Unsere geschätzte Legislative, die mit der Novellierung des Jugendmedienschutzstaatsvertrag (kurz JMStV) mal wieder ein Gesetz in die Welt verbessern will, dass schwammiger nicht hätte formuliert sein können.

Kern der Änderung soll eine Kennzeichnungs-„Pflicht“ á la FSK sein, damit, wie z.B. bei Sky oder Kabel Deutschland, automatische Filter erkennen können, dass diese Seite für das Alter was von den Eltern als sicher eingestellt wurde, nicht gültig ist.

Krux an der Sache ist, unter anderem, dass es die API für das kennzeichnen, noch gar nicht gibt. Keiner kann einem also sagen, was wie wo gekennzeichnet werden soll.

Genauso verhält es sich mit den Inhalten. Dort wird von den üblichen Verdächtigen gesprochen: Erotik, Pornografie, Gewalt etc. Genauere Definition: Fehlanzeige. Genau davon scheint aber abhängig zu sein, ob ich mir einen Jugendschutzbeauftragten leisten muss oder nicht. Sind seriöse Unterwäschefotos in einem Fotografen-Portfolio schon jugendgefährdend und erst ab 16 zugänglich zu machen oder darf ich sowas künftig hier noch zeigen? Genauso Verhält es sich mit Reviews: Wenn ich mir eine Uncut oder FSK 18 Version eines Videospiels oder einer DVD hier durch den Kopf gehen lasse, bin ich dann schon mit beiden Beinen im Knast oder nicht? Oder darf ich, wie z.B. die Videos zum neuen Call of Duty bei GameOne, den Artikel nur noch zwischen 22 und 6 Uhr zugänglich machen?

Der „qualifizierte“ Jungendschutzbeauftragte ist genauso eine schwammige Formulierung. Es ist weder definiert, was genau „qualifiziert“ ist (die fsm hat aus nachvollziehbaren Gründen der Gewinnerzielung natürlich eine andere Einstellung) noch ob Jugendschutzbeauftragter und die Person, welche im Impressum steht, nicht ein und die Selbe sein kann. Ich musste mich durch die Arbeit im Kino und als langjähriger Betreuer einer Ferienfreizeit mit dem Jugendschutzgesetz auseinandersetzen. Reicht das als Qualifikation schon aus?

Drei Dinge hat das noch nicht mal verabschiedete Gesetz auf jeden Fall schon geschafft:

1. Verwirrung in der Netzwelt ausgelöst, inklusive den ersten Abschieden von größeren privaten Blogs

2. Einen nicht minder dichten Shit-Storm über den NRW-Grünen ausgelöst, die mit einem Tweet von Montag á la „Wir sind gegen das Gesetz, aber müssen trotzdem dafür stimmen wenn wir weiter regieren wollen“ ihre Credibility in der Netzgemeinde gewaltig ruiniert haben.
Das einzige was sie jetzt, aus meiner Sicht, noch retten könnte, wäre, wenn ihr Rückzug von dieser Aussage und das Umdenken mancher SPDler in NRW doch noch dazu führt, dass man dieses Gesetz nochmal überdenkt.

3. Die wahrscheinlich schon halbverarmten Abmahnanwälte reiben sich die Hände weil sie wieder etwas gefunden haben auf dass sie sich gierig stürzen können. So viel Interpretationsspielraum ist ja ein gefundenes Fressen.

Den ganzen Frust-Hype etwas zu entschärfen versucht das LawBlog. Ich teile die Ansicht durchaus, aber ich denke, dass Punkt 3 auf jeden Fall eintreten wird. Letzlich bleiben aus meiner Sicht auch nur drei Alternativen übrig:

1. Wie auch bei t3n propagiert: Abwarten und Tee trinken. Sicherheitshalber einen Jugendschutzbeauftragten eintragen und schauen was passiert.

2. Mit Bits und Bytes ins befreundete Ausland auswandern

3. Den Laden dicht machen.

Ich werde mich auf jeden Fall erstmal für die nächsten Wochen für Nummer 1 entscheiden und der Dinge harren, die da kommen mögen. Denn es wäre schade, wenn ich im Sommer nicht mein 10jähriges Blogger-Jubiläum feiern könnte.

8 Kommentare

  1. Madse sagt:

    Dürfte ja Nutzer von Blogger weniger betreffen, da deren Server bekanntermassen in den Staaten stehen.
    Nutzen und SInn im freien Fall ist die Sache aber trotzdem. Hoffentlich klaert sich das bald.

  2. Hazamel sagt:

    Ich glaub, wenn das passiert, dann kann man das getrost als „Weihnachtswunder“ bezeichnen

  3. naja, also die fsm spricht auch von der „Nutzung von Sendezeitbegrenzungen“ für webinhalte.
    da stellt sich eigentlich die Frage der eigenen Qualifikation…

    1. hazamel sagt:

      Das gibt es ja jetzt auch schon. Bei Sevenload oder MTVGameOne ist der Zugriff auf bestimmte Videos nur zwischen 22 und 6 Uhr möglich.

  4. oha?
    wie geht das dann bei Zugriffen aus Erdteilen mit anderen Zeitzonen? wird so was dann dynamisch angepasst?
    es soll ja auch möglich sein aus dem Ausland auf deutsche Internetseiten zuzugreifen (hab ich mir sagen lassen, ööh)

    1. hazamel sagt:

      Serverzeit 😉 Es geht ja schließlich um den DEUTSCHEN Jugendschutz. Den Politikern hat niemand gesagt, dass Internet anders funktioniert als Fernsehen. So global und so

  5. aha.
    danke für die Information.
    vllt sollte man das den Politikern mal mitteilen?

    1. hazamel sagt:

      Seit wann interessiert Politiker eine fachliche Meinung?

      Hier geht’s wieder nur um blinden Aktionismus um ein bestehendes Gesetz zu verschlimmbessern

Kommentare sind geschlossen.