Sensetionell: Reapy auf Eis

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Lesezeit ~ 4 Minuten

Ich hab ihn wieder ausgegraben… den alten Sensenmann…

Da saß ich nun also. Halbjährlicher Rapport im Ministerium für Ab- und Nachleben über meine „ungeplanten Kundenakquisen“. Warum auch immer, hatte man mir eine neue Sachbearbeiterin zugeteilt. Ich weiß gar nicht, was an meinem alten Sachbearbeiter so falsch war: Alt, blind, halb taub und hat alles unterschrieben solange man mit dem Finger darauf gezeigt hat. Naja, zumindest hat er das fast immer getan. Es hat eine ganze Weile, und vier Finger, gedauert bis ich ihm wieder abtrainiert hatte, dass Fingerzeig nicht heißt, dass er mit dem Stempel zuschlagen soll. Wenn ich den erwische, der ihm das beigebracht hat…

Nun also eine neue Sachbearbeiterin. Name auf dem Formular, das mir kürzlich per Steinwurf (Danke auch dafür… Diese Idee kann nur ein Sesselpupser hier im Ministerium verbrochen haben) zugangen war: Unleserlich. Namensschild an der Tür: Fehlanzeige, ebenso keines auf dem Schreibtisch. Imposant war auf jeden Fall der Schreibtischstuhl dessen Rückenlehne mich freundlich in dieser finsteren Kammer begrüßte. Und wenn ich finster sage, dann meine ich finster. So finster, dass man nicht mal die Wände sah wenn man auf dem Besucherschemel platz nahm. Kurz: Finster wie in einem Bärenarsch! (Und ja, ich weiß wie finster es dort ist… Fragen Sie besser nicht, woher…)

Ich rechte also mit mindestens einer Trollfrau, die mir gleich die Hölle heiß machen würde, weil ich den einen oder anderen langhaarigen Bombenleger oder Hippie etwas zu früh von seinen irdischen Pflichten entbunden hatte. Ja, mein Leben hat sich in den letzten Monaten wirklich nicht gebessert. Im Gegenteil, die Verrückten haben eher noch zugenommen.

„Soso… DER Herr Reapy also…“ murmelte es aus dem Bürostuhl, mit einer Betonung, als wäre ich hier unten schon so etwas wie eine lokale Berühmtheit. Nicht, dass mir das nicht gefallen würde, aber man kann ja nie wissen ob das in diesem Fall nicht besser wäre es nicht zu sein. Überraschenderweise klang die Stimme nicht nach einer Trollfrau sondern eher nach etwas kleinerem. Viel kleiner! So viel kleiner, dass ich mit der Dame sicher spielen fertig werden würde, wenn ich nur meinen berühmten Charme spielen lassen würde. Wahrscheinlich war sie genauso alt und senil wie ihr Vorgänger. Und als hätte sie meine Gedanken lesen können, ich bin mir mittlerweile sicher dass sie es konnte, drehte sich just in diesem Moment der Schreibtischstuhl um. Und ich dachte schon, das würde den ganzen Termin so ablaufen…

Was da zum Vorschein kam, in diesem monströsen Schreibtischstuhl, kostet mich einige Mühe, nicht vor Lachen vom Besucherschemel zu fallen. Glücklicherweise besitze ich genügend Selbstbeherrschung, so dass mir nicht mehr als ein kleines Husten entfleuchte.

Der „Troll“ war höchstens 1,70 groß, sehr zugeknöpft gekleidet und ihre glatten, schwarzen Haare wurden wahrscheinlich durch irgendeinen Zauber an Ort und Stelle gehalten. Ich wette, dass sie wahrscheinlich eines dieser Sitzkissen unter dem Hintern hatte um mir überhaupt in die Kapuze schauen zu können. Diese schien auch gleich der erste Stein des Anstoßes zu sein, denn ich wurde mit einem gewinnenden Lächeln von ihr aufgefordert doch meine Kopfbedeckung abzulegen. Wenn jemand so freundlich lächelt, da kann ich doch nicht Nein sagen… Dass sie auf einmal ihr lächeln verlor und schlagartig die, eh schon kaum vorhandene, Farbe aus dem Gesicht verlor, fand ich dann doch ein bisschen unhöflich.

Also, ich bitte Sie, wie fänden Sie es denn, wenn Sie jemand um etwas bittet und dann nur noch mit röcheln und würgen auf Sie reagiert? Zugegeben ich habe schon länger nicht mehr geduscht. In meiner Position hat man einen Gewissen Ruf zu verlieren. Und „Der Tod riecht nach Veilchen und Lavendel“ ist es sicher nicht.

Nachdem ich wieder gut behütet war, und sie sich endlich von ihrem Anfall erholt hatte, konnte die Tortur erst richtig losgehen. Ich sage Ihnen, dieser Zwischenfall sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich an diesem Tag etwas zu lachen hatte.

„Herr Reapy, Ihre Zahlen sind eine einzige Katastrophe. Um eine Seele ordnungsgemäß einzusammeln, schicken Sie uns im Durchschnitt fünf, die Sie nicht hätten sammeln sollen. Sie tun so etwas sogar wenn Sie frei haben“

Da hatte die gute Frau wohl recht. Ich hatte aber auch nur halb zugehört und mich stattdessen immer noch gefragt, wie sie das wohl mit den Haaren machte. Und außerdem, hallo, ich bin ja immerhin mal DER Tod! Mitarbeiter des Monats Januar bis Dezember. Und das ununterbrochen seit Jahren. Könnte auch daran liegen, dass ich eigentlich der einzige Mitarbeiter bin. Aber egal, was zählt ist die Plakette und das Bild an der Wand.

„Ach wissen Sie…“ begann ich meine Erklärung voller Überzeugung, wie ich es bei meinem alten Sachbearbeiter auch immer getan hatte. Nur dass der mir eh nicht zuhörte… „Ich bin halt gut in meinem Job. Und wenn man so ein Workaholic ist wie ich, dann kennt man eben keine freien Tage und auch kein Feierabend. Früher oder später hätte ich die Seelen eh einsammeln müssen. Wissen Sie, ich hasse es, zweimal laufen zu müssen und da dachte ich mir…“

Tja, weiter kam ich nicht. Den Blick des Todes in der Mitte meiner Ausführungen hatte ich ignoriert. Wer ist denn bitte auch so langweilig und versucht den Tod tot vom Stuhl fallen zu lassen. Ich bitte Sie! Das wäre für mich ja echt peinlich und voll dämlich. Es hat ein bisschen gekribbelt unter der Kutte aber daran gewöhnt man sich im Laufe der Jahrhunderte. Den Eisblock hingegen, in den sie mich dann verwandelt hat, den habe ich nicht kommen sehen. Und der war auch echt fies… Ich höre mich doch so gerne reden. Und außerdem konnte ich mich in diesem Moment ja nicht mal mehr wehren. Alles was ab jetzt noch ging, war die Augen zu bewegen. Aber nicht einmal das traute ich mich mehr. Wer weiß, am Ende versucht sie den Eisblock noch zu schmelzen und mich gleich mit.

„Also, Herr Reapy, ich wiederhole mich nur ungern, aber das muss aufhören. Und aus genau diesem Grunde hat das Ministerium beschlossen, dass ich Sie in den nächsten Wochen auf Ihren Streifzügen begleiten werden“ Innerlich schrie es in mir nur „Neiiiiiiiiiiiin“ als sie das aussprach. Hätte ich auch nicht tun sollen, denn sie bestätigte mir kurz darauf zwei Dinge, die ich bis jetzt nur vermutet hatte. Erstens konnte Sie wirklich Gedanken lesen und zweitens ihre Augen waren nicht nur dazu gut, gut auszusehen und den Blick des Todes zu verteilen, sondern sie konnte damit auch das Eis zu schmelzen bringen. Um genau zu sein bis kurz vor meine Augen.

„Es wird weder mir noch Ihnen gefallen, aber glauben Sie mir, ICH werde auf jeden Fall meinen Spaß mit Ihnen haben.“

Und damit sollte sie wahrlich Recht behalten….

2 Kommentare

  1. moggadodde sagt:

    Ich bin sehr gespannt, wie es weiter geht.
    Coole Story!

  2. Madse sagt:

    *grrr* Die Dienstaufsicht… Da kann die Arbeit ja nur drunter leiden!

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