Morgen

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Morgen ist es 6 Jahre her. Es ist wieder ein Dienstag, wie vor 6 Jahren, wieder ein erster Schultag, auch wie vor 6 Jahren. Und dieses Mal ist es der erste Tag in der Kollegstufe für meine Schwester, genau wie für mich, vor 6 Jahren.
All das ist mir grad erst bewusst geworden, dass sich die Geschichte auf diese Weise wiederholt. Aber hier ist es nicht dieses kollektive Trauma, das an diesem Tag Form angenommen hat und die Welt nachhaltig bis heute verändert hat. Es geht hier um die Geschichte einer Gruppe Schüler, die durch eine Entscheidung viel Glück hatten, was sie aber erst viel später erfahren haben. An einem Mittwoch, dem 12. September 2001…

Die eigentliche Geschichte beginnt aber schon viel früher. Wir, eine Schülergruppe von 10 Mädels und 3 Jungs, hatten eine dreiwöchige Tour durch die USA geplant. Wir wollten endlich die Leute kennenlernen, die wir nur per Webcam kannten. 2001 noch alles andere als an der Tagesordnung.
Wir machten uns also auf nach Winona, Minnesota. Das war Ende Juli. Eine Woche vor Ende der Sommerferien. Wie besuchten, wie gesagt, Winona, hatten mehr oder weniger passende Gastfamilien, tourten entlang der grossen Seen nach Toronto, besuchten die Niagara-Fälle und gönnten uns zum Abschluss ein paar Tage New York. Das übliche Programm: Ein Sonntag im Central Park, eine Museums-Tour, etwas SoHo, Empire State Building, was glücklicherweise nur zwei Blocks vom Hotel entfernt war… und wir besuchten den Financial-District. An einem Dienstag… Die NYSE, die Plaza zwischen den Türmen und die Arkaden darunter. Ich weiss noch, dass es ein traumhafter Tag war. Strahlend blauer Himmel und wir haben geflachst, dass die zwei Türme eh nie zusammenbrechen würden. Wie zum Beweis haben wir sogar noch unten dagegengeklopft.
Wir flogen nach Hause mit einem Sack voll wunderschöner Erinnerungen und haben unsere Ferien genossen.
Bis zu diesem Dienstag… Ich weiss, dass ich recht früh von der Schule nach Hause gekommen bin und gesehen habe wie das zweite Flugzeug auf CNN in den Turm krachte. Ein schlechter Film, dachte ich, schliesslich war ich da noch vor 4 Wochen gewesen. Selbst meine Beine wollten mich in diesem Augenblick nicht mehr tragen und ich musste mich setzen. Und auch wenn es so weit weg war, hat es mich doch persönlich getroffen, eben weil wir erst kurz vorher dort gewesen waren. Ich erkannte alles wieder: Die Türme, die jetzt eingestaubten Arkaden durch die ein Kameramann rannte und sich über eine Rolltreppe nach oben flüchtete. Die selbe Rolltreppe, die wir 4 Wochen früher genommen hatten um zum Plaza zu kommen. Raus in die Sonne. Doch der Kameramann kam nicht in die Sonne, sondern nur in noch mehr Staub.

Am nächsten Tag war es sehr schweigsam in der ersten Englisch-LK-Stunde. Immerhin war mehr als die Hälfte der Kursteilnehmer mit in den USA gewesen. Irgendwann rückte der LK-Leiter dann mit der Information raus, die mir das zweite Mal die Beine wegzog.
Die ursprüngliche Planung für unseren Trip hatte eigentlich vorgesehene, dass wir die letzten 2 ganzen Ferienwochen und die erste Schulwoche in den USA verbringen sollten. Auf Grund der Planung für das Schuljahr und dem eh schon vorherrschenden Lehrermangel auf Grund der Abifahrten, wurde unser Ausflug vom Direktor auf den Anfang der Ferien verlegt.
Es wäre genau DIESE Woche gewesen in der wir New York gewesen wären…
Und wer weiss, vielleicht war es genau diese eine Entscheidung, die uns allen das Leben gerettet hat!