3 Days of Peace & Music – Taking Woodstock

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Pünktlich zum 40. Jahrestag von Woodstock nimmt sich Ang Lee (Hulk, Brokeback Mountain) des Themas an und liefert einen etwas anderen Film über Woodstock ab.

Die Story

Es ist 1969. Die Apollo 11 Mission wird vorbereitet, im Nahe Osten und in Vietnam tobt Krieg und das Motel der jüdischen Familie Tiber in Bethel, New York, steht kurz vor der Pleite. Der Sohn der Tibers, Elliot (Demetri Martin), ist nicht nur Vorsitzender der Handelkammer von Bethel sondern versucht auch sein Geld als Maler in New York zu verdienen. Leider erfolglos und das bisschen Geld was er verdient steckt er ins heruntergekommene Motel der Eltern. Die Schwester hat den Kontakt schon lange abgebrochen und versteht nicht, wie Elliot wieder nach Bethel ziehen kann statt sich endlich seinen Traum zu erfüllen und nach Kalifornien zu gehen.
Elliot gibt sich wirklich Mühe, das Motel seiner Eltern aus dem Dornröschenschlaf zu wecken: Er lässt Schilder austellen um den Tourismus anzukurbeln, beherbergt einen Haufen mehr oder weniger durchgeknallter Schauspielschüler in der Scheune (u.a. Don Fogler) oder will das alljährliche Musikfestival auf dem Grundstück des Motels veranstalten. Für letzteres bekommt er nach zähem Ringen in der Handelskammer auch eine Genehmigung.
Als er erfährt, dass die Organisatoren von Woodstock andernorts versetzt worden sind und nun dringend auf der Suche nach einem neuen Spielort sind, ruft er kurzerhand seinen Sandkastenfreund Michael Lang an, der kurz darauf mit Freundin und gesamter Entourage im Motel der Tibers einfällt.
Die Gruppe ist von der Location begeistert und nachdem das finanzielle geklärt ist, kann das Festival seinen Lauf nehmen.
Dass es alles nicht ganz so glatt lief, dürfte aus der Geschichte bekannt sein… aber auch Dinge, die sicher in keinem Geschichtsbuch stehen können schief laufen.

Mein Eindruck

Ich meine, ich hätte im Zusammenhang mit „Taking Woodstock“ mal den Slogan gelesen „Die nicht ganz wahre Geschichte über Woodstock“. Ich denke, das trifft es am besten.
Ang Lee erzählt hier die Geschichte eines Rockfestivals ohne viel von diesem Festival zu zeigen. Es geht vielmehr um das drumherum und wie es die Leute verändert hat. Und mit „Leute“ meine ich weniger die Festivalbesucher, als viel mehr das Dorf Bethel und die Tiber-Familie. Denn nicht nur das Festival hat mit Problemen zu kämpfen sondern eben auch die anderen Beteiligten. Der Vater hat nicht viel zu melden, macht zu Anfang einen sehr resignierten Eindruck und scheint nur drauf zu warten dass er stirbt. Die Mutter ist gegen alles und jeden, der nicht ihrer Meinung ist und schreckt dabei auch nicht davor zurück zu nicht ganz feinen Mitteln zu greifen.
Die Dorfbewohner leben ihn ihrer kleinen, eigenen Welt, so wie das heute auf vielen Dörfern und in kleineren Städten immer noch ist. Was neu ist, ist erstmal grundsätzlich abzulehnen!
Und dann werden sie von einem Haufen Hippies überfallen, die sie angeblich ausrauben und die Wiesen platttrampeln und allerlei Unzucht im Kopf haben.
All das Zusammen kann gar nicht verhindern, dass es zum Bruch zwischen allen möglichen Parteien kommt, auch wenn es immer wieder Überraschungen gibt, wenn die Fronten wechseln oder es Überläufer aus dem vermeintlich feindlichen Lager gibt.
Es mag Zufall oder Zeitgeschichte sein, aber immer wieder schimmert auch die sexuelle Revolution durch, fein abgeschmeckt mit ein bisschen Homosexualität in überraschenden Momenten.
Aber am Ende bleibt es doch immer eine Geschichte rund um Elliot Tiber, einem Jungen vom Dorf, der manchmal nicht so recht weiß was da alles um ihn herum geschieht.

Die Darsteller

Ich persönlich habe von allen Darstellern nur einen wirklich gekannt. Viele andere sind nur bekannte Gesichter gewesen, ohne dass ich sie wirklich hätte zuordnen können.
Der bekannteste Darsteller dürfte aber dennoch Liev Schreiber sein. Sein Cameo-Auftritt als Ex-Marine/Transvestit/Security-Beauftragte(r) des Motels zählt für mich zu den Highlights des Films. Vor allem weil er immer wieder eine Rolle als Versöhner und Lenker innerhalb der Tiber-Familie auftritt.
Ob Michale Lang, gespielt von Jonathan Groff, wirklich immer so entspannt war, entzieht sich meiner Kenntnis. Die teilweise Verstörung mit der er aufgenommen wird und den Gegenpol zum restlichen Organisationsteam bildet ist aber erstklassig.
Genauso erstklassig ist die schauspielerische Leistung von Imelda Staunton und Henry Goodman als Ehepaar Tiber, das auch nicht frei von Problemen ist.
Generell sucht man echte schlechte Schauspieler in diesem Film eher vergebens. Ausgenommen sind natürlich die Rollen der Earthlight Players, die ja eine schon eine etwas schräge Truppe spielen sollen.

Die Figuren

Sicherlich muss man sich bei einem Thema wie Woodstock in einem begrenzten Rahmen an die realen Menschen halten, die auch damals mit dem Festival zu tun hatten.
Dennoch bleiben die Figuren seltsam flach. Es werden immer wieder interessante Themenstränge angerissen, aber scheinbar keiner davon weiterzählt. So bleibt unklar welche Rolle Michael Langs Freundin eigentlich spielt, die Geschichte um Vilma und ihre Wandlung bleibt weitestgehend im dunklen, Fragen die gegen Ende des Films über die Mutter auftreten bleiben offen. Nicht einmal die ablehnenden Dorfbewohner werden noch weiterer Worte gewürdigt. Die vagen Andeutungen des Films auf die Geschichte der Figuren bleiben eben Andeutungen und auch die Hauptfigur Elliot ist davon nicht ausgenommen.
Da hätte ich mir als Zuschauer schon manchmal etwas mehr gewünscht. Platz wäre in den 120 Minuten sicher gewesen.

Die Optik

Was wie ein normal gedrehter Kinofilm beginnt, wechselt mit Erscheinen der Hippies bei den Tibers die Darstellung. Das Bild wird teilweise in zwei oder drei Segmente unterteilt, was es nicht einfacher macht zu folgen, da man sich eben immer nur auf ein Panel beschränken kann.
Auch die Darstellung wechselt mit dem eintreten der echten historischen Ereignisse teilweise in einen Stil, der sich am besten wohl mit handgedrehten Super-8-Filmen oder eben dem Handkamerastil der Zeit beschreiben lässt.
Ganz aus der Reihe, und auch ein Highlight des Films, fällt der Elliots LSD-Trip. Beschreiben lässt sich das nicht, das muss man schon gesehen haben.

Der Soundtrack

Warum Danny Elfman als Filmkomponist im Vorspann aufgeführt wird, ist mir schleierhaft. Wenn ich mich recht erinnere gibt es den  Film über gibt es keine Filmmusik im klassischen Sinne sondern wenn Musik zu hören ist, dann stammt sie aus der Zeit, wird von einer Platte abgespielt oder kommt von einer Band. Bilderuntermalende Hintergrundmusik wäre mir nicht aufgefallen.
Und selbst die restliche Musik bleibt eher eine Nebensache. Tonangebend sind die Dialoge zwischen den Darstellern.

Woodstock selber

Ein Film über Woodstock ohne Woodstock wirklich zu zeigen ist eine seltsame Vorstellung, ist in diesem Film aber gelungen. Wer damit rechnet Auftritte zu sehen, außer er ist Fan von „Hairy Pretzel“, wird enttäuscht werden. Vom Festival selber ist so gut wie nichts zu sehen. Mal die Bühne aus der Ferne und das Schlammrutschen den Hügel hinab aber mehr auch schon nicht.
Sehr schön, und eigentlich auch nur im Vorbeigehen, wurde die politische Stimmung der damaligen Zeit eingefangen: Friede, Freiheit und Gerechtigkeit.

Mein Fazit

Neben der tollen Optik und der lustigen Geschichte schwanke ich trotzdem zwischen drei und vier Schlammbrocken .
Ausschlaggebend für die Tendenz zu den drei Schlammbrocken sind die schon erwähnten flachen Charaktere und die teilweise kaugummiartige Länge die der Film zwischendurch aufweist. Meiner Meinung nach hätte man die Zeit nutzen können um ein bisschen auf die Beteiligten einzugehen. Stattdessen nutzt Ang Lee sie meistens um ein Bild von Woodstock und den Hippies zu zeigen.
Bei mir fällt dieser Sneak-Film in die Kategorie: Filme, die ich so im Kino sicher nicht schauen würde. Leider reicht es, auf Grund der Mängel aber auch nicht zu einem mehr als netten Eindruck.

Dreieinhalb von fünf Schlammbrocken
Sonstiges

Herstellungsland und Jahr: USA 2009
Länge: 120 Minuten
Freigabe: unbekannt
Kino-Start: 3.9.2009

Regiesseur: Ang Lee
Darsteller (u.a.):
Demetri Martin
Liev Schreiber
Imelda Staunton
Henry Goodman
Jonathan Groff
Emile Hirsch